03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria

Integrative Medizin
„Aus 1 und 1 wird mehr als 2“

WIEN – „Die praktische Erfahrung hat gezeigt, dass fachübergreifendes, vernetztes Denken, Kommunizieren und Handeln sinnvoll und notwendig ist. Integrativmedizin stellt eine unabdingbare Ergänzung zum ebenso unverzichtbaren Spezialistentum dar“, ist die Überzeugung von Dr. Wilhelm Schein, Leiter des Forum Integrativmedizin. Diese unabhängige Initiative der Hilde-Umdasch-Privatstiftung gibt es seit Oktober 2009 in Österreich mit Sitz in Wien.

MT: Wie definiert sich die Integrative Medizin?
Dr. Schein:
Der Begriff „integrativ“ geht für uns über den rein interdisziplinären Aspekt weit hinaus und umfasst die Einbindung aller heilkundlich tätigen Personen sowie Institutionen und selbstverständlich auch der Patienten. Integrative Medizin bedeutet zusätzlich die Schaffung von Sozialkapital. Die Zusammenführung unterschiedlicher medizinischer Bereiche ergibt für die Patienten einen Mehrwert an Gesundheitskapital: Aus 1 und 1 wird mehr als 2. Gemeinsam sind viele Talentierte und Engagierte besser.
Durch die Forcierung neuer Partnerschaften entstehen neue Teams mit manchmal unkonventionellen Lösungen für alte Probleme. Um diese Gedanken bei praktisch Tätigen zu verankern und ihnen die Möglichkeit zur Umsetzung zu geben, müssen neue Konzepte erarbeitet werden. Zur Integrativen Medizin gehören meines Erachtens auch neue Forschungszugänge, diagnostische Verfahren und therapeutische Abläufe.

MT: Wie ist es zur Gründung des Forum Integrativmedizin gekommen?
Dr. Schein:
Das Forum Integrativmedizin versteht sich als vernetzende Plattform für alle Bereiche, die der Heilkunde gewidmet sind. Es war die Intention von Frau KR Hilde Umdasch, die neben ihrer unternehmerischen Tätigkeit zahlreiche soziale Projekte unterstützt, auch vernetzende und zusammenführende Aktivitäten in der Medizin zu fördern. Mir persönlich ist die Umsetzung interdisziplinärer bzw. integrativer Konzepte aus der Berufserfahrung heraus seit vielen Jahren ein Anliegen. In dieser Zeit ist auch ein Netzwerk daran interessierter Personen entstanden. Gemeinsam ist uns allen die Überzeugung, dass es einen großen Pool heilkundlich Tätiger mit visionären Ideen gibt, die einer Förderung bedürfen.

MT: Sie haben am Europäischen Kongress für Integrative Medizin in Berlin teilgenommen. Welche Eindrücke konnten Sie mitnehmen?
Dr. Schein:
Dieser Kongress hat gezeigt, dass sich die Notwendigkeit, vernetzt bzw. integrativ zu denken, generationenübergreifend in den Köpfen manifestiert. Aus den vielfältigen Vorstellungen und Möglichkeiten kondensiert sich allmählich ein verbindendes Schema. An der organisatorischen Ausformung der „integrative community“ muss noch gearbeitet werden. Die Gründung einer europäischen Fachgesellschaft sowie eines wissenschaftlichen Journals für Integrative Medizin ist ein wichtiger Schritt dazu.

MT: Welche Aktivitäten sind im Rahmen des Forum Integrativmedizin in Österreich geplant?
Dr. Schein:
Wir entwickeln und fördern Projekte zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Teilbereichen der Medizin, aber auch für eine effizientere Patientenbetreuung. Visionären Ideen und Forschungsprojekten mit integrativem Ansatz soll ebenso Raum gegeben werden wie bis dato von der etablierten Medizin wenig beachteten Heilmethoden natürlich nach kritischer Betrachtung.Wir wollen helfen und Fronten abbauen. Das gemeinnützig tätige Forum Integrativmedizin steht allen an dieser Thematik Interessierten offen.

HH

Schulmedizin, Alternativ-/Komplementärmedizin und Mind-Body-Medizin
Das Konzept vom integrativen Heilen

BERLIN – „Die Medizin ist nach wie vor zweigeteilt. Auf der einen Seite die an Universitäten, in Krankenhäusern und Ordinationen dominierende Schulmedizin, auf der anderen Seite die Komplementärmedizin und andere traditionelle Heilmethoden, die viele Leute in der Bevölkerung in Anspruch nehmen.“ Vor diesem Status quo positioniert Kongress-Präsident Univ.-Prof. Dr. Stefan Willich vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie der Charité Universitätsmedizin in Berlin die Integrative Medizin.

Das Nebeneinander der unterschiedlichen Heilsysteme entspricht jedenfalls nicht den Wünschen der Patienten. So hat die Schweizer Bevölkerung in einer Volksabstimmung am 17. Mai 2009 mit einer klaren Mehrheit (67 Prozent) die Verankerung der Komplementärmedizin in der Verfassung erwirkt: Behandlungsmethoden wie Akupunktur, Homoöpathie, Ayurveda etc. sollten gleichberechtigt in der medizinischen Versorgung berücksichtigt werden. Auch in EU-Ländern wäre wohl dasselbe Ergebnis zu erwarten.

Symbiose von Methoden

Die Integrative Medizin soll mehr bewirken, als nur „alten Wein in neue Schläuche“ gießen. Ziel ist eine Symbiose von Methoden der Schulmedizin, der Komplementär- und Alternativmedizin (CAM) und der Mind-Body-Medizin. „Jedes dieser Heilsysteme hat Stärken und Schwächen“, sagt Prof. Willich.

„Wichtig ist, dass sich Ärzte und Wissenschaftler die Mühe machen, die Errungenschaften der jeweiligen Methoden zusammenzufügen.“ Beispielsweise sollten Patienten, die jahrelang unter chronischen Kopfschmerzen leiden, auch die vielversprechendsten Behandlungen zugänglich sein. In der Forschung dominiert die konventionelle Medizin.

Der Großteil der finanziellen Mittel, vor allem der öffentlichen Fördertöpfe, geht in Studienprojekte der universitären Medizin.

Doch die „medizinische Realität ist viel komplexer als Studien“, betonte Prof. Willich. Im Sinne der Integrativen Medizin seien gut evaluierte Modellversuche sowie eine Versorgungsforschung, die Methoden der CAM und der Mind-Body- Medizin berücksichtigen, notwendig, um den Nachweis von Wirksamkeit und Qualität zu erbringen.

Prof. Willich selbst hat in seinem „erlernten“ Fach Kardiologie die Sinnhaftigkeit integrativer Konzepte erkannt: „Die universitäre Kardiologie ist stark bei akuten Erkrankungen, hat aber Schwächen zum Beispiel in der Behandlung von Patienten mit Herzinsuffizienz, Hypertonie oder rezidivierenden Rhythmusstörungen. Diese Patienten brauchen mehr.“

Integrativmedizin in Europa

Um eine Brücke zwischen den Anbietern unterschiedlicher Methoden zu bauen, hat Prof. Willich Ende 2008 den 1. Kongress für Integrative Medizin (ECIM) initiiert. Zum 2. Kongress Ende November 2009 in Berlin kamen immerhin etwa 600 interessierte Kolleginnen und Kollegen aus Ländern, in denen dieses „wichtige Element der modernen Medizin“ bereits in Einzelinitiativen wahrgenommen und umgesetzt wird. Das sind neben Deutschland vor allem auch Großbritannien, Holland, Italien, die skandinavischen Länder Dänemark, Schweden und Norwegen sowie die Schweiz.

In Österreich wurde im Oktober 2009 das Forum Integrativmedizin gegründet. Mit der Gründung der Europäischen Gesellschaft für Integrative Medizin beim Kongress in Berlin konnte Prof. Willich einen weiteren wichtigen Schritt setzen.

Integrativkonzepte sind laut Prof. Willich zurzeit vor allem in der Kardiologie, Onkologie, Pädiatrie, Dermatologie und Gastroenterologie ein Thema. Chronische Schmerzzustände zählen zu jenen Indikationen, in denen die Integrative Medizin bereits konkrete Aktivitäten setzt und Ergebnisse vorzuweisen hat.

Ein Beispiel: Studien zur Wirkung der Akupunktur bei Rückenschmerzen und Gelenksarthroseschmerzen haben dazu geführt, dass deutsche Krankenkassen seit 2006 diese Behandlung bezahlen. Die Studien initiierte Prof. Dr. Claudia Witt von der Berliner Charité in Zusammenarbeit mit zwei Fachgesellschaften und niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten.

HH

3. Europäischer und 3. Deutscher Kongress für Integrative Medizin; Berlin, Dezember 2010

© MMA, Medical Tribune • 42. Jahrgang • Nr. 7/2010

Dr. Wilhelm Schein

Dr. Wilhelm Schein, Leiter des Forum Integrativmedizin, Foto: HH
„Durch die Forcierung neuer Partnerschaften entstehen neue Teams mit manchmal unkonventionellen Lösungen für alte Probleme.“

Univ.-Prof. Dr. Stefan Willich

Univ.-Prof. Dr. Stefan Willich, Foto: http://www.ecim-congress.org
http://www.ecim-congress.org/de/press.html
Integrativkonzepte sind vor allem in der Kardiologie, Onkologie, Pädiatrie, Dermatologie und Gastroenterologie ein Thema.