Ein Mangel an Androgenen hat vielfältige Auswirkungen auf den gesamten Organismus: Er fördert unter anderem die bauchbetonte Fettanlagerung, verringert die Muskelmasse und erhöht das Risiko für Myokardinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Osteoporose. All das führt zu einer stark erhöhten Sterblichkeit der betroffenen Männer, die zusätzlich auch unter schnellerer Ermüdbarkeit, Leistungsschwäche und Libidoverlust leiden können. Da der Testosteronspiegel mit dem Alter abnimmt, ist ein klinisch relevanter Hormonmangel bei älteren Männern besonders häufig zu finden.
Einfluss der Jahreszeiten
Einen erheblichen Einfluss auf die Testosteronspiegel haben auch die Jahreszeiten: In der Grazer Studie wurden Blutproben von 2299 älteren Männern, die sich einer Koronarangiographie unterzogen („LURICStudie“, Leitung: Univ.-Prof. Dr. Winfried März), untersucht. Dabei zeigte sich, dass die durchschnittlichen Testosteronwerte im August mit 23,4 μg/l fast doppelt so hoch waren wie im März (12,2 μg/l). Besonders auffallend waren aber die fast deckungsgleichen saisonalen Schwankungen des Vitamin-D-Spiegels. Insgesamt hatten Männer mit ausreichendem Vitamin D (≥ 30 μg/ l) signifikant höhere Testosteronwerte als Männer mit Vitamin- DInsuffizienz (20 bis 29.9 μg/l) oder -Defizienz (< 20 μg/l).
Ähnlich wie ein Testosteronmangel sind auch unzureichende Serumspiegel von Vitamin D ein bekannter Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen. Das Spektrum der möglichen Folgen reicht von Osteoporose, Hochdruck, erhöhter Gefäßsteifigkeit, Diabetes und Karzinomen bis hin zu kardiovaskulären und autoimmunologischen Erkrankungen. Damit assoziiert ist auch wiederum eine signifikant erhöhte Mortalität. „Besonders ungünstig ist, wenn gleichzeitig ein Vitamin-D-Mangel und ein Testosteronmangel vorliegen“, betont Univ.-Prof. Dr. Barbara Obermayer-Pietsch, stellvertretende Leiterin der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Nuklearmedizin, Universitätsklinik für Innere Medizin, Med Uni Graz. „Aus meiner Sicht sollten Messungen des Vitamin-D- und Testosteronspiegels ein obligater Bestandteil von Gesundenuntersuchungen sein. Anzustreben ist ein Vitamin-D-Wert von mindestens 30 ng/ml.“
Nächstes Projekt zur Pathophysiologie
Hinweise darauf, dass zwischen den saisonalen Schwankungen von Vitamin D und Testosteron tatsächlich ein kausaler Zusammenhang besteht, kommen von Tiermodellen und Untersuchungen auf molekularer Ebene: Eine wichtige Rolle dürften dabei Vitamin-D-Rezeptoren in der Hypophyse, vor allem aber auf Hodenzellen und auf Spermien spielen. Die genauen pathophysiologischen Zusammenhänge zwischen Vitamin-D- und Testosteronmangel sollen nun in einem nächsten Projekt erforscht werden. Geplant ist auch eine Studie, in der untersucht werden soll, ob eine Vitamin- D-Substitution tatsächlich die erwarteten Auswirkungen auf die Testosteronspiegel hat. Sollte sich in den Folgestudien bestätigen, dass die Testosteronproduktion mit Vitamin D angekurbelt werden kann, würde das auch die Behandlung des männlichen Sexualhormonmangels wesentlich erleichtern: „Vitamin D ist preiswert, hat praktisch keine Nebenwirkungen und kann gut dosiert werden“, so die Expertin.
Bei Frauen umgekehrte Wirkung?
Eine spannende Frage ist auch, wie sich Vitamin D auf die Testosteronproduktion bei Frauen auswirkt.
Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass hier die Wirkung gegenläufig sein dürfte: Bei Frauen scheint Vitamin D die Testosteronwerte zu senken. Eine Vitamin-D-Substitution könnte daher auch für Frauen mit polyzystischem Ovarsyndrom, die erhöhte Testosteronspiegel haben, ein vielversprechender therapeutischer Ansatz sein.
Dr. Rüdiger Höflechner









