03. September 2010
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DFP-Allgemeinmedizin: DAS TRAUMA

Schon die Definition des Traumas ist für die Herangehensweise wichtig. Aus Sicht der Autorin ist eine Definition, die sowohl physiologische als auch psychische Aspekte berücksichtigt, am sinnvollsten.

Ein Trauma führt zu tief greifenden Veränderungen der Physiologie, der Gedächtnisstruktur und des Verhaltens der Betroffenen – und es führt auch häufig zu bestimmten Krankheitsbildern. Daher ist es für uns Ärzte wichtig, Grundkenntnisse über die Forschungsergebnisse der Psychotraumatologie aus den letzten 20 Jahren zu haben.

1. Defnition des Traumas

In der Psychotraumatologie wird – im Gegensatz zu anderen Definitionen, z.B. aus dem Bereich der Psychoanalyse, der Psychotherapie oder der Unfallchirurgie – ein Trauma definiert als „ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder lang anhaltend), die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“. Nach dem DSMIV haben die Betroffenen die Erfahrung von Todesbedrohung, Lebensgefahr oder starker Körperverletzung gemacht bzw. die Bedrohung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder der einer anderen Person erlebt. Eine wichtige Erweiterung der Definition lautet: „Trauma ist eine Erfahrung, die die individuellen Fähigkeiten eines Menschen, etwas auszuhalten, massiv überfordert; es übersteigt die individuelle Bewältigungskapazität, die Resilienz.“

Die darauf folgende Störung und deren Ausmaß wird damit nicht allein durch das Trauma an sich definiert, sondern vielmehr auch durch die individuelle Reaktion darauf, die eventuell auch auf eine unzureichende Verarbeitungsfähigkeit hinweisen kann. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Einfachtrauma, Mehrfachtrauma und Entwicklungstrauma: Ein Einfachtrauma ist etwas Einmaliges, das einer Person widerfährt, eine Unterbrechung der Normalität. Bei einem Entwicklungstrauma könnte man die kontinuierliche traumatische Erfahrung, der ein Kind ausgesetzt ist, die von Vernachlässigung bis zu Misshandlungen und sexueller Gewalt im Rahmen der Familie reichen kann, als „traumatische Normalität“ bezeichnen.

Auch die Unterscheidung in unpersönliches Trauma (z.B. Naturkatastrophe), interpersonelles Trauma („man-made“) und Bindungstrauma, also durch nahe stehende Personen verursacht, ist sinnvoll. Traumatisierend wirkt nicht nur die Bedrohung der körperlichen Integrität, sondern auch die Bedrohung der fundamental menschlichen Erfahrung, eine autonom handelnde und denkende Person zu sein. Und auch das Miterleben eines Traumas, das einer anderen Person zustößt oder das ich als Arzt oder Psychotherapeut erzählt bekomme, kann traumatisierend wirken – man spricht hier von einem „Sekundärtrauma“.

2. Veränderungen der Physiologie

2.1 Pathomechanismen


Selye verdanken wir die Erkenntnis, dass bei Stress eine typische Sequenz physiologischer Reaktionen abläuft: die Einwirkung eines Stressors auf den Organismus führt (u.a.) zur Aktivierung des Sympathikus und damit zur Ausschüttung von Adrenalin und – durch die Aktivierung der Hypothalamus- Hypophysen-Nebennieren-Achse – zur Ausschüttung von Kortisol.

Ähnlich kommt es bei Traumatisierung zu einem typischen Ablauf in der Physiologie: Aus Beobachtungen von Säugetieren kommt die Erkenntnis, dass beim traumatischen Stress zuerst eine extrem gesteigerte sympathische Aktivierung erfolgt – man spricht von Hyperarousal, wie z.B. bei der Flucht einer Gazelle vor dem Geparden. Dann, bei unausweichlicher Lebensbedrohung, tritt das „Freeze“, die Erstarrungsreaktion, der Totstellreflex auf. Diese Reaktion beinhaltet körperliche und emotionale Anästhesie, Immobilität und physiologische Desaktivierung sowie Dissoziation und entsteht durch maximale Aktivierung im dorsal-vagalen System. Das heißt, dass die Physiologie des Traumas durch gleichzeitig extrem hohen Sympathikotonus und Vagotonus bestimmt ist; es ist aber wahrscheinlich, dass es auch Erstarrungsmuster gibt („Kollaps“), bei denen die Hyperaktivität des Parasympathikus im Vordergrund steht und die durch Bradykardie, Hypotonie und verlangsamte Atmung gekennzeichnet sind.

Tiere in freier Wildbahn sind häufig lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, werden jedoch nicht nachhaltig traumatisiert. Sie verfügen über angeborene Mechanismen, die es ihnen ermöglichen, die hohe, im Überlebenskampf mobilisierte Trauma-Energie wieder abzubauen. Wir Menschen sind mit grundlegend gleichen Regulationsmechanismen ausgestattet, doch wird die Funktionsfähigkeit dieser instinktgeleiteten Systeme häufig durch die Umgebung und den „rationalen“ Teil unseres Gehirns gehemmt und außer Kraft gesetzt. Eine posttraumatische Störung kann man somit auch als Störung des Regulationsmechanismus des autonomen Nervensystems in der Folge einer starken Bedrohung interpretieren. Die instinktiven, biologischen Überlebensmechanismen (Kampf, Flucht und Immobilität/Erstarrungsreaktion) werden zwar initiiert, kommen aber nicht zum Abschluss.

Wenn die im „Freeze“ aufgetretene maximale Erregung des Sympathikus und Parasympathikus nicht abgeführt werden kann, weil nicht ideale Umweltbedingungen von Halten, Sicherheit, Rückzugsmöglichkeit bestehen, die für Selbstregulation erforderlich sind, kommt es zu einer Chronifizierung; der Organismus hat nicht die Möglichkeit, aus dieser vegetativen Übererregtheit und Reaktionsstarre herauszukommen und bleibt im persistierenden Hyperarousal. Damit entwickelt sich eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; auf Englisch: Post-Traumatic Stress Disorder – PTSD). Oft aktiviert dann jeder banale Reiz erneut die Erstarrungsreaktion; und bei jedem erneuerten Erleben der Erstarrungsreaktion addiert sich die zur „Bewältigung“ dieser neuen Situation bereitgestellte, aber nicht benötigte Energie noch zusätzlich zu der bereits vorhandenen, nicht entladenen Energie. Die Immobilitätsreaktion wird nicht nur chronisch, sondern wird immer intensiver. Entsprechend häufen sich auch die Symptome.

2.2 Physiologische Veränderungen

Auf somatischer Ebene lassen sich folgende Veränderungen feststellen: Auf neuroendokriner und neurochemischer Ebene ist mehrheitlich, aber nicht durchgängig der Corticotropin Releasing Factor (CRF) erhöht, ebenso das ACTH, bei verringerter peripherer Kortisolfreisetzung. Neben noradrenerger Alteration besteht auch eine serotonerge Dysfunktion, man findet erniedrigte Konzentrationen von Tryptophan und Serotonin in Serum und Liquor. Wahrscheinlich mitbedingt durch den reduzierten Kortisolspiegel, kommt es zu vermehrter Produktion von proinflammatorischen Zytokinen wie IL-1, IL-6, TNFa, Cyclooxygenase 2 (COX-2), Prostaglandin E2; mit diesem Phänomen könnte vielleicht auch die erhöhte Inzidenz von Autoimmunerkrankungen, die bei PTBS-Patienten zu finden ist, in Zusammenhang stehen. Weiters finden sich persistierende Muskelkontraktion und Vasokonstriktion sowie erhöhte Gamma-Motoneuronenaktivität und autonome Dysfunktionen. Traumatisierungen führen auch zu anatomisch fassbaren Veränderungen im Gehirn. Oft sind eine Atrophie im Hippocampus sowie eine verbreiterte zentrale Schmerzrepräsentation nachweisbar.

3. Psychische Veränderungen & Klinik

Als Folge einer Traumatisierung kann es zu Angstzuständen, zum immer wieder Durchleben des Traumas in Flashbacks, zu Hypervigilanz, Alpträumen, Schlafstörungen, extremer Überempfindlichkeit, verminderter Stresstoleranz sowie zu Dissoziation kommen (siehe Tab. 1). Darunter versteht man ein Gefühl von Leere, ein „Losgelöst-über-den-Dingen-Schweben“, eine Art von Abstumpfung, Apathie, ein „Nicht-wirklich-da-Sein“. Die Dissoziation ist ein zentraler Begriffin der posttraumatischen Störungssymptomatik. Sie zu erkennen ist für die Kommunikation und für jeden therapeutischen Kontakt mit traumatisierten Personen wesentlich.
3.1 Häufge klinisch relevante Symptome

Je nachdem, ob eher der Sympathikus oder der Parasympathikus überwiegt, entwickeln sich Symptome, die dem entsprechenden Teil des autonomen Nervensystems zuzuordnen sind. Die Symptomatik kann aber auch zwischen beiden Polen fluktuieren. Als sympathikoton sind Muskelanspannung, Blutdruckerhöhung, gesteigerte Pulsrate und Hyperventilation zu betrachten. Als parasympathikoton gelten gastrointestinale Symptome, Bradykardie bzw. Arrhythmie-Vulnerabilität und veränderte Schmerzverarbeitung. Eine Reihe weiterer Symptome, die oft erst später auftreten, listet Tabelle 2 auf.

Zusätzlich zur oben angeführten psychovegetativen Symptomatik können mit der Zeit auch psychosomatische Beschwerden und Krankheitsbilder entstehen. Dazu gehören Kopfschmerzen, Nacken- und Rückenprobleme, Asthma, Beschwerden im Verdauungsapparat, Darmkrämpfe, chronisches Beckenschmerzsyndrom, schweres prämenstruelles Syndrom, chronisches Müdigkeitssyndrom, Fibromyalgie, somatoforme Störungen, insbesondere somatoforme Schmerzstörungen. Ein Einfluss des PTBS auf Autoimmunprozesse ist ebenfalls wahrscheinlich.

4. Medizinische Maßnahmen

Die medizinische Betreuung von Patienten, deren Beschwerden auf komplexe, chronische Traumatisierungen zurückzuführen sind, ist schwierig; hier besteht die Gefahr, durch immer neue invasive Untersuchungen und verzweifelte Therapieversuche iatrogene Retraumatisierungen zu setzen. Diese Dynamik entsteht einerseits durch den Wunsch der Behandelnden, die Patienten von den unerklärlichen Symptomen zu befreien, und die Schwierigkeit, die eigene Machtlosigkeit zu ertragen. Andrerseits können Ärzte, wenn sie unbewusst in der Gegenübertragung agieren, in der Inszenierung des Wiederholungszwangs neuerlich eine Traumatisierung, jetzt in Form eines medizinischen Eingriffs, setzen. Eine stabile, wertschätzende Beziehung zwischen Hausarzt und Patient, mit Akzeptieren unserer begrenzten therapeutischen Möglichkeiten kann hier ein wichtiges Korrektiv sein.

Mögliche allgemeinmedizinische Maßnahmen: Zur Beeinflussung der Schlafstörung hat sich Trazodon als hilfreich erwiesen. Antidepressiva (bei Schmerzstörungen in Kombination mit Paracetamol oder NSAR – CAVE Opioide!) können einige Zeit wirksam sein; meiner Erfahrung nach verliert sich die Wirksamkeit der medikamentösen Therapie, wenn sie ohne traumaoder psychotherapeutische Maßnahmen erfolgt, häufig nach einigen Monaten. Ausdauertraining, das allerdings extrem vorsichtig aufgebaut werden soll, kann durch seine Stress reduzierende und Ressourcenaufbauende Wirkung auf verschiedensten Ebenen zu einer Stabilisierung beitragen; wichtig ist ein individuelles Vorgehen mit genauem Hinhören auf ein eventuelles, oft kaum hörbares „Nein“ des Patienten.

5. Traumatherapie

Da körperliche und seelische Verletzungen, „schockierende“ Erlebnisse und schreckliche, grauenvolle Ereignisse nahezu jeden Menschen und manchmal mehrmals im Leben treffen, wäre die Welt voller Menschen in einem chronischen Schockzustand, hätte nicht die Evolution einen natürlichen Weg zur Lösung des Schockzustandes in Form physiologischer Entladung angelegt. Diese Entladung lässt sich bei Tieren gut beobachten, insbesondere bei Fluchttieren (Reh, Gazelle, Pferd): Bei Gefahrensignalen (Rascheln, Witterung) orientieren sie sich erst und erstarren in einer Aufmerksamkeitshaltung. Oder sie grasen beruhigt weiter, aber dann laufen deutlich sichtbar Erregungswellen wie ein Zittern über den Körper. Im schlimmsten Fall werden sie vom Raubtier geschlagen und erstarren im Totstellreflex (Freezing), mit der Chance, dass die Aufmerksamkeit des auf Jagd programmierten Raubtieres nachlässt. Dann können sie plötzlich davonrennen und sich durch diese Flucht entladen. Freezing ist in der Tierwelt ein weit verbreiteter Überlebensmechanismus. Die Entsprechung davon beim Menschen ist, dass, wenn die bedrohliche Situation mit dem „Erstarren“ im Schockzustand vorüber ist, es durch intensive Bewegung, z.B. zielloses, ungerichtetes Umherlaufen, durch eine zielgerichtete Aktivität oder durch eine physiologische Abreaktion, z.B. starkes Zittern im ganzen Körper, zu einer Entladung kommen kann.

Wenn Patienten mit ihrer traumatischen Erfahrung therapeutisch arbeiten wollen, dann sind generelle Informationen zu Traumaphysiologie und Psychotraumatologie wichtig; zu erfahren, dass die aufgetretenen Symptome und Verhaltensweisen normale Reaktionen auf eine abnormale Situation darstellen, wirkt meistens alleine schon entlastend.

Genauso wichtig ist es, in allen Formen der Arbeit mit traumatischen Erfahrungen eine stabile Vertrauensbasis herzustellen, die dem Patienten Sicherheit vermittelt, und besonders darauf zu achten, dass die Konfrontation mit den Trauma-Inhalten nicht neuerlich das Gefühl von Überwältigtwerden, Ausgeliefertsein zur Folge hat; hier entstünde wieder dieselbe physiologische Reaktion wie in der ursprünglichen traumatischen Situation, was nicht zu einer Aufarbeitung, sondern zur Retraumatisierung führt.

Besonders wichtig in der Traumatherapie ist auch die Arbeit mit Ressourcen. Eine Ressource ist jede positive, stützende, stabilisierende Erinnerung, jede Person, jeder Ort, jede Handlung und jede persönliche Fähigkeit, die auf den Körper und die Psyche beruhigend wirkt.

5.1 Traumatherapeutische Methoden

In den meisten psychotherapeutischen Schulen hat man sich mit den spezifischen Erfordernissen in der Therapie traumatisierter Patienten auseinandergesetzt und entsprechende Curricula entwickelt. Es gibt aber auch spezielle traumaspezifische Ansätze.

5.1.1. EMDR.

„Eye Movement Desensitization and Reprocessing“, kurz EMDR, ist eine von Francine Shapiro entdeckte und entwickelte Methode, die durch Linksrechts-Bewegung der Augäpfel und des Blickes oder andere rhythmisch zwischen rechts und links abwechselnde Stimuli charakterisiert ist. Wichtig ist, bevor diese einfache, aber sehr wirksame Technik angewendet wird, die Stabilisierung des Patienten, die Schaffung eines „sicheren Ortes“ und einer sicheren Vertrauensbasis. Es wird angenommen, dass durch die bilaterale Stimulation mittels Augenbewegungen (oder auch akustischer oder taktiler Reize) eine Synchronisation der Hirnhälften ermöglicht wird, die bei der posttraumatischen Belastungsstörung gestört ist.

5.1.2. PITT.

Die „Psychodynamisch Imaginative Trauma-Therapie“ (PITT) ist ein innovativer Therapieansatz, der von Dr. Luise Reddemann zur Behandlung von Traumafolgestörungen entwickelt wurde und sich daher insbesondere in der Behandlung von komplexen posttraumatischen Belastungsstörungen, dissoziativen Störungen und Persönlichkeitsstörungen klinisch bewährt hat. PITT integriert Elemente von angewandter Psychoanalyse mit solchen aus der kognitiven Verhaltenstherapie und imaginativen Verfahren sowie Prinzipien der Achtsamkeitsmeditation. Leitend ist das Konzept der Selbstregulation und Selbstheilung.

5.1.3. SE.

Das „Somatic Experiencing“ (SE), von Peter Levine entwickelt, fasst Trauma nicht als Krankheit auf, sondern als Störung des Regulationsmechanismus des Nervensystems in der Folge einer starken Bedrohung. „Das Nervensystem eines Traumatisierten ist nicht geschädigt, sondern wie beim Winterschlaf erstarrt“, so das Credo. Mit dieser Technik wird der Körper eingeladen, den physiologischen Zyklus mit der Entladung der „Trauma-Energie“ zu vollenden und damit wieder vom chronischen Hyperarousal zu einem ausgeglichenen physiologischen Niveau zu kommen.

6. Conclusio

Besonders bei Menschen, die Entwicklungstraumata durchmachen oder komplexe Traumata erleben mussten, kann Traumatherapie keine durch kurze Zeit angewendete Technik sein, sondern sollte nur im Rahmen einer sicheren psychotherapeutischen Beziehung stattfinden; in einem langfristigen Prozess, am Besten auch unterstützt von einer verlässlichen, verständnisvollen (haus-)ärztlichen Begleitung, kann langfristig das erlebte Trauma seine allgegenwärtige tödliche Bedrohung verlieren und das Bewusstsein, es überlebt und integriert zu haben, zur Stärkung der Betroffenen beitragen.

Dr. Elfriede Kastenberger

Ärztin für Allgemeinmedizin, Psychotherapeutin
Med. Leiterin d. Interdiszipl. Praxis f. Fibromyalgie Vors. d. Austrian Association for Body Psychotherapy

E-Mail: e.kastenberger@aon.at

Quellen: Gottfried Fischer, Lisa Haberkorn, Ursula Herrmann, Michaela Huber, Hans-Peter Kapfhammer, Peter Levine, Itta Wiedemann, Kaspar Rüegg

Review:

Dieser Fachartikel wurde vom ÖGAM-Editorboard für das DFP approbiert.

ReviewerInnen:

- Dr. Reinhard Dörflinger

- Dr. Ingrid Novotna

- Dr. Arnold Puri

Die ReviewerInnen sind um eine ausgewogene und praxisrelevante Darstellung des Themas bemüht. Die vertretenen medizinisch-wissenschaftlichen Inhalte liegen in Letztverantwortung in der Kompetenz des Autors/der Autorin.


© MMA 2008, ärztemagazin 22/2008

Kasuistik: Trauma verursacht Schmerzen

Die Gliederschmerzen einer Patientin entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Ausdruck eines psychischen Traumas.

Seit einem grippalen Infekt mit Durchfällen vor 1,5 Jahren leidet Frau R.W. an Schmerzen in Extremitäten, Rumpf und Kiefer. Abgesehen von einem kurzzeitig erhöhten Yersinien-Titer (–> Antibiotikatherapie) waren keine pathologischen Befunde zu erheben. Eigenblutinjektionen, Kolon-Hydrotherapie, NSAR und andere Analgetika haben keine längerfristige Verbesserung gebracht.

Klinische Untersuchung

Die Untersuchung ist weitgehend o.B., inkl. Bewegungsapparat. Allerdings gibt die Patientin massiven Schmerz bei normaler Hautberührung und leichtem Druck auf Subkutis an. Sie wirkt sehr freundlich und kooperativ; es fällt ihr schwer, ihre Anliegen und Wünsche zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen. Auf Befragen gibt sie Schlafstörungen an, auch Leistungsabfall bestätigt sie ungern, verbunden mit Selbstvorwürfen. Sie verlange viel von sich selbst, sei sehr gewissenhaft und leide sehr, wenn sie die erwartete Leistung nicht erbringen könne. Bei behutsamer Exploration erzählt Frau W. dann in Etappen, dass sie bei einer Tante aufgewachsen sei, die sie sehr viel gestraft und geschlagen habe und bei der sie schon von klein auf viel habe leisten müssen. Ihre Eltern hätten „zu viele Kinder gehabt, da seien einige zu Verwandten gegeben worden“.

Therapeutische Ansätze

Es ist möglich, den Praxisraum für Frau W. als sicheren Ort zu etablieren; Erklärungen zum Zusammenhang zwischen ihren Schmerzen und den traumatisierenden Kindheitserfahrungen können auf wertschätzende Weise gegeben und damit auch von der Patientin akzeptiert werden; sie fühlt sich zum ersten Mal in ihrem Leben in ihrem Leid gesehen und anerkannt. Wir einigen uns darauf, besonders behutsam mit Frau W. umzugehen; sie wird immer wieder ermutigt, gleich zu sagen, wenn ihr etwas zu viel sei oder schmerze. Das Thema, selbst zu spüren, was sie braucht bzw. was sie nicht will, wird immer wieder mit ihr besprochen (Self-Empowerment, eigene Grenzen wahrnehmen). Nach der Kur beginnt sie eine Psychotherapie bei einer traumatherapeutisch fundiert ausgebildeten Psychotherapeutin.

Dr. Elfriede Kastenberger
Schmerzsyndrome gehören zu den klinisch relevanten Folgen einer Traumatisierung