03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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MT- Interview: Dr. Clemens M. Auer zu ELGA:
Das „sehr natürliche Lenkungssystem“

WIEN – MT sprach mit Dr. Clemens Martin Auer, dem Kabinettschef von Bundesministerin Maria-Rauch Kallat und Leiter der Sektion I (Zentr. Koordination, Gesundheits- und KV-Recht, Gesundheitsstrukturangelegenheiten im BMGF), in dessen Ressort auch die Gesundheitstelematik fällt. Voriges Jahr wurde der Vertrag als Sektionschef um fünf Jahre verlängert.

MT: Was steckt hinter dem angekündigten e-Health-Masterplan?
Dr. Auer: Er wird allen Beteiligten eine Orientierung geben. Im Masterplan werden bis Jahresende die Eckpunkte, Generallinien und Priorisierungen der e-Health-Strategie samt Zeitplan klargelegt. Dieses Thema ist von der ELGA zu trennen, weil ELGA ja nur eine Schnittmenge aus der nationalen e-Health-Strategie ist, genauso wie die e-card. Der Masterplan ist auch von der EU vorgegeben. Die EU wünscht, dass alle Mitgliedsländer nationale Papiere haben, damit klar wird, wohin die europäische Reise geht.


MT: Welche Rolle spielt ELGA im Rahmen der e-Health-Strategie?

Dr. Auer: ELGA ist ein wesentlicher Teil der nationalen e-Health-Strategie. Länder und Bund haben sich schon 2004 vertraglich verpflichtet, auf integrative Weise eine ELGA zu entwickeln. Mit der 15a-Vereinbarung, dem Gesundheitsqualitäts- und dem Telematikgesetz sind schon Rahmengesetze in Kraft.


MT: Wie weit ist ELGA?

Dr. Auer: Am 29.6. wurde im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur die ARGE ELGA eingerichtet. Das war ein wichtiger Schritt, weil sich die Auftraggeber – die Sozialversicherungen für den ambulanten Bereich, die Länder als Krankenanstaltenträger und der Bund als Rahmengesetzgeber – zusammenfanden und nun ein gemeinsames ELGA-Projektmanagement betreiben. In fast allen Bundesländern wird mehr oder weniger intensiv an Krankenhaus-Informationssystemen gearbeitet, die zum Teil schon recht fortgeschritten sind. Hier werden laufend Investitionen getätigt. Die ELGA ist eine Vernetzung dieser Systeme.


MT: Wie kommt man bei der Frage der Datensicherheit weiter?

Dr. Auer: Zunächst müssen der Patientenindex, der Gesundheitdiensteanbieter-Index und das Registry als technische Fragen mit den bestmöglichen Sicherheitsstandards gelöst werden. Durch das Zusammenarbeiten dieser Elemente und mit einem komplexen Berechtigungssystem kann dann auf die Daten zugegriffen werden, wenn sie freigegeben sind. Die ELGA steht und fällt mit diesem Berechtigungssystem.
Auf Länderseite gibt es ein großes Interesse, schnell das Schnittstellen-Management zu klären. Die e-card ist die totale Vernetzung des ambulanten Sektors in einem Gesamtsystem. 2007 sollen die Krankenhäuser an das e-card-Netzwerk angeschlossen sein. Dabei gibt es viele Einzelthemen aufzulösen. Parallel dazu wurde eine Machbarkeitsstudie über die ELGA in Auftrag gegeben. Das Ergebnis wird eine Aufgabenliste mit Lösungsansätzen sein, die in Einzelprojekten abgearbeitet werden müssen. Es wird aber keinen „Big Bang“ für die ELGA geben, sondern schrittweise Anwendungen. Als Nächstes wird es ein Überweisungssystem, die e-Medikation zwischen stationärem und ambulantem Bereich und einen elektronischen Patientenbrief geben.


MT: Ein Vorschlag aus der Machbarkeitsstudie war die zentrale Datenhaltung. Ist dieser Ansatz noch aktuell?
Dr. Auer: Diese Idee wurde von uns sehr schnell abgelehnt. Wir gehen weitgehend von dezentraler Datenhaltung aus. Die Daten werden immer beim Gesundheitsdiensteanbieter liegen.


MT: Aber die Ärztekammer fürchtet eine zentrale ELGA-Datenspeicherung und forderte erst neulich wieder, dass die Gesundheitsdaten der Patienten immer beim jeweiligen Arzt gespeichert bleiben müssen!
Dr. Auer: Da fürchtet sich die Ärztekammer vor etwas, was ohnehin nicht möglich ist. Es kann keine zentralen Datenserver geben. So funktionieren ELGAs nicht. Die Daten werden immer beim jeweiligen Gesundheitsdiensteanbieter bleiben. Und es werden auch nicht alle Daten einsehbar sein. Ich kann so viel sagen, dass Datenschutzfragen eine unserer Hauptsorgen sind.


MT: Wieso hat die Ärztekammer offenbar Angst vor zentraler Datenhaltung?
Dr. Auer: Die Ärztekammer hat ein vitales Interesse am Thema der Datenhaltung. Weil Ärztinnen und Ärzte mit diesen Systemen arbeiten müssen. Derzeit ist die Ärztekammer über die Bundesgesundheitsagentur in der ARGE ELGA eingebunden. Die Ärztekammer wird in geeigneter Weise mehr in das Projekt involviert, aber so weit ist es noch nicht. Auf der Zeitleiste stehen wir so: Momentan sammeln sich die Auftraggeber, Länder, Bund und Sozialversicherung und finden heraus, wie ELGA umgesetzt werden soll. Dann werden die einzelnen Gesundheitsdiensteanbieter eingebunden. Der IT-Einsatz wird die Produktivität im Gesundheitssystem aber insgesamt enorm steigern. Es wird ein sehr natürliches Lenkungssystem sein, auch im Sinne der Patienten.

 

© MMA, Medical Tribune 43/2006
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