03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
Seite drucken

Fibromyalgie
Die Krankheit gibt es wirklich!

WIEN – Patienten, die unter Fibromyalgie leiden, haben zum Schmerz nicht selten noch den Spott. Denn die äußerst schmerzhafte und die Lebensqualität beeinträchtigende Erkrankung galt bis vor kurzem noch als „eingebildete Krankheit“.

Das Leitsymptom könnte man mit „alles tut weh“ zusammenfassen. Patienten, die unter dauerhaftem, ausgeprägtem Ganzkörperschmerz leiden, sind immer verdächtig auf Fibromyalgie-Syndrom (FMS), eine ebenso quälende wie rätselhafte Erkrankung. Das FMS gilt als schwer zu diagnostizierende Erkrankung, da seine Symptomatik häufig unspezifisch ist. Selten ist FMS nicht: In Mitteleuropa leiden schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Gesamtbevölkerung an einer gesicherten Fibromyalgie.

In Deutschland sind wahrscheinlich 1,6 Millionen, in Österreich über 200.000 Personen davon betroffen. Auffällig ist, dass achtbis neunmal mehr Frauen als Männer – vorwiegend mittleren Alters – daran erkranken. Zunehmend wird FMS jedoch auch bei Kindern und Jugendlichen gesehen. Tendenz steigend, denn FMS ist eine relativ „junge“ Krankheit, die erst 1990 von der WHO in ihrer Eigenständigkeit anerkannt wurde und derzeit vermutlich noch unterdiagnostiziert ist.

Typisch für FMS sind diffuse und wandernde Schmerzen der Muskeln und Sehnen über den gesamten Körper. Die Betroffenen fühlen sich krank, müde und erschöpft. Begleitsymptome wie Morgensteifigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Parästhesien, Reizdarm, Reizmagen, Reizblase, Kopfschmerzen, Schwindel, vegetatives Schwitzen und oft auch Depressionen machen die Differenzialdiagnose schwierig.

Die Ätiologie ist nach wie vor unklar. Psychische Faktoren dürften wohl eine Rolle spielen, sind jedoch sicher nicht alleine für das Krankheitsbild verantwortlich.

Keine Destruktionen
FMS wird im weitesten Sinne zum Formenkreis der rheumatischen Erkrankungen gezählt. „Die gute Nachricht für die Betroffenen ist, dass es, im Gegensatz zum Bechterew oder zur Polyarthritis, zu keinerlei Destruktionen kommt“, sagt Univ.-Prof. Dr. Winfried Graninger, Leiter der Klinischen Abteilung für Rheumatologie an der Medizinischen Universität Graz.

In der Diagnostik ist, neben der Anamnese und dem radiologischen und labordiagnostischen Ausschluss anderer Erkrankungen, vor allem das Abtasten der so genannten „Tender Points“ (18 fest definierte Punkte, meist im Muskel-Sehnen-Übergang, festgelegt vom ACR – American College of Rheumatology) wichtig. Diese sind in der Regel bei FMS-erkrankten Menschen stark druckempfindlich. Löst der Druck an mindestens elf von 18 Punkten eine deutliche Schmerzreaktion aus und sind die beschriebenen Schmerzen bereits seit mindestens drei Monaten vorhanden, so gilt dies als Hinweis auf ein FMS.

Obwohl es mangels Kenntnissen über die Ätiologie und Pathophysiologie des FMS auch keinerlei ursächliche Therapie gibt, kann man die Erkrankung doch behandeln. Dabei ist ein multimodales Konzept unter Berücksichtigung von sowohl körperorientierten als auch psychologischen Elementen gefragt, das nicht zuletzt auch Patientenschulungen umfasst.

„Da Grund zu der Annahme besteht, dass das Beschwerdebild durch belastende Lebensereignisse und Dauerstress begünstigt wird, kann eine Verbesserung der Lebenssituation des Patienten nur durch eine Kombination von individuell auf den Patienten zugeschnittenen medikamentösen, psychologischen sowie edukativen und komplementären Therapiemethoden (z.B. aus der TCM) erzielt werden.

Auch die Ernährung sollte in diesem Maßnahmepaket einer Prüfung unterzogen werden“, sagt dazu Dr. Gerhard Fürst, Ärztlicher Leiter des bettenführenden Fachbereiches Physikalische Medizin am LKH Stolzalpe.

Hilfe im Heilstollen
Interessante Daten lieferte eine Pilotstudie, in deren Rahmen FMSPatienten eine Kur in den Gasteiner Heilstollen durchführten. In diesen findet sich, neben Temperaturen um die 40 Grad, das radioaktive Edelgas Radon. Für Radon konnte bereits eine Wirkung auf die zentrale Schmerzverarbeitung (speziell auf die Substanz P) gezeigt werden, eine Wirkung auf den Serotoninspiegel wird vermutet. Von den 21 Studien- Patienten mit schwerem FMS, die im Schnitt neun Stolleneinfahrten mitmachten, waren nach vier Monaten drei völlig schmerzfrei, acht gaben eine mindestens 50-prozentige Schmerzreduktion an. Die Einnahmehäufigkeit von Schmerzmitteln war vier Monate nach der Kur um durchschnittlich 31 % reduziert – von 3,4 auf 2,1 Einnahmetage/Woche. Auch Erschöpfung und Morgensteifigkeit gingen zurück. REB


© MMA, Medical Tribune • 39. Jahrgang • Nr. 4
Bild
Sind mindesten 11 der 18 Tender Points druckschmerzhaft, kann das ein Hinweis auf ein Fibromyalgie-Syndrom sein.