Das Leitsymptom könnte man mit „alles tut weh“ zusammenfassen. Patienten, die unter dauerhaftem, ausgeprägtem Ganzkörperschmerz leiden, sind immer verdächtig auf Fibromyalgie-Syndrom (FMS), eine ebenso quälende wie rätselhafte Erkrankung. Das FMS gilt als schwer zu diagnostizierende Erkrankung, da seine Symptomatik häufig unspezifisch ist. Selten ist FMS nicht: In Mitteleuropa leiden schätzungsweise drei bis fünf Prozent der Gesamtbevölkerung an einer gesicherten Fibromyalgie.
In Deutschland sind wahrscheinlich 1,6 Millionen, in Österreich über 200.000 Personen davon betroffen. Auffällig ist, dass achtbis neunmal mehr Frauen als Männer – vorwiegend mittleren Alters – daran erkranken. Zunehmend wird FMS jedoch auch bei Kindern und Jugendlichen gesehen. Tendenz steigend, denn FMS ist eine relativ „junge“ Krankheit, die erst 1990 von der WHO in ihrer Eigenständigkeit anerkannt wurde und derzeit vermutlich noch unterdiagnostiziert ist.
Typisch für FMS sind diffuse und wandernde Schmerzen der Muskeln und Sehnen über den gesamten Körper. Die Betroffenen fühlen sich krank, müde und erschöpft. Begleitsymptome wie Morgensteifigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Parästhesien, Reizdarm, Reizmagen, Reizblase, Kopfschmerzen, Schwindel, vegetatives Schwitzen und oft auch Depressionen machen die Differenzialdiagnose schwierig.
Die Ätiologie ist nach wie vor unklar. Psychische Faktoren dürften wohl eine Rolle spielen, sind jedoch sicher nicht alleine für das Krankheitsbild verantwortlich.
Keine Destruktionen
FMS wird im weitesten
Sinne zum Formenkreis
der rheumatischen Erkrankungen
gezählt. „Die gute
Nachricht für die Betroffenen
ist, dass es, im Gegensatz
zum Bechterew oder
zur Polyarthritis, zu keinerlei
Destruktionen kommt“,
sagt Univ.-Prof. Dr. Winfried
Graninger, Leiter der Klinischen
Abteilung für Rheumatologie
an der Medizinischen Universität
Graz.
In der Diagnostik ist, neben der Anamnese und dem radiologischen und labordiagnostischen Ausschluss anderer Erkrankungen, vor allem das Abtasten der so genannten „Tender Points“ (18 fest definierte Punkte, meist im Muskel-Sehnen-Übergang, festgelegt vom ACR – American College of Rheumatology) wichtig. Diese sind in der Regel bei FMS-erkrankten Menschen stark druckempfindlich. Löst der Druck an mindestens elf von 18 Punkten eine deutliche Schmerzreaktion aus und sind die beschriebenen Schmerzen bereits seit mindestens drei Monaten vorhanden, so gilt dies als Hinweis auf ein FMS.
Obwohl es mangels Kenntnissen über die Ätiologie und Pathophysiologie des FMS auch keinerlei ursächliche Therapie gibt, kann man die Erkrankung doch behandeln. Dabei ist ein multimodales Konzept unter Berücksichtigung von sowohl körperorientierten als auch psychologischen Elementen gefragt, das nicht zuletzt auch Patientenschulungen umfasst.
„Da Grund zu der Annahme besteht, dass das Beschwerdebild durch belastende Lebensereignisse und Dauerstress begünstigt wird, kann eine Verbesserung der Lebenssituation des Patienten nur durch eine Kombination von individuell auf den Patienten zugeschnittenen medikamentösen, psychologischen sowie edukativen und komplementären Therapiemethoden (z.B. aus der TCM) erzielt werden.
Auch die Ernährung sollte in diesem Maßnahmepaket einer Prüfung unterzogen werden“, sagt dazu Dr. Gerhard Fürst, Ärztlicher Leiter des bettenführenden Fachbereiches Physikalische Medizin am LKH Stolzalpe.
Hilfe im Heilstollen
Interessante Daten lieferte eine
Pilotstudie, in deren Rahmen FMSPatienten
eine Kur in den Gasteiner
Heilstollen durchführten. In diesen
findet sich, neben Temperaturen
um die 40 Grad, das radioaktive
Edelgas Radon.
Für Radon konnte bereits eine
Wirkung auf die zentrale Schmerzverarbeitung
(speziell auf die Substanz
P) gezeigt werden, eine Wirkung
auf den Serotoninspiegel
wird vermutet. Von den 21 Studien-
Patienten mit schwerem FMS,
die im Schnitt neun Stolleneinfahrten
mitmachten, waren nach
vier Monaten drei völlig schmerzfrei,
acht gaben eine mindestens
50-prozentige Schmerzreduktion
an. Die Einnahmehäufigkeit von
Schmerzmitteln war vier Monate
nach der Kur um durchschnittlich
31 % reduziert – von 3,4 auf 2,1
Einnahmetage/Woche. Auch Erschöpfung
und Morgensteifigkeit
gingen zurück. REB





