Wie ist das jetzt, mit den Erdbeeren und dem Hexenschuss? Es ist ein anschauliches Beispiel nicht nur für scheinbar „absurde“ medizinische Zusammenhänge, sondern auch für die oft erstaunliche Treffsicherheit und Feinheit osteopathischer Diagnostik.
Eric Géry,
Mitbegründer der Gesellschaft für
Osteopathie und Vizepräsident der
European Federation of Osteopaths
erzählt: „Es war im Sommer, als innerhalb
von zwei Monaten viele
Patienten zu mir kamen, die in der
Früh ,rechteckig‘ aufgewacht sind.
Nach eingehender Untersuchung
war klar, dass immer der Darm die
Ursache für den Hexenschuss war.
Es kam heraus, dass sich – jeweils
am Vortag – die Patienten im Erdbeerland
bis zum Umfallen vollgegessen
hatten! Es kam zu einer
massiven Gärung und dadurch bedingtem
Überdruck im Darm. Mit
dem Effekt, dass das Vegetativum
auf diesen nozizeptiven Reiz überreagierte
und ein Signal an die
Muskeln der LWS schickte, welche
mit einem Spasmus reagierten.
Die Behandlung hat aber am Darm
als primäre Ursache angesetzt.“
Es gäbe wohl noch eine Fülle an Beispielen für ungeahnte, subtile Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung, deren Auf„spüren“ eine der Stärken der Osteopathie ist. „Wir fangen an, wenn die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende ist“, so Prim. Dr. Andreas Kainz, D.O., FA für Physikalische Therapie und Präsident der ÖsterreichischeÄrztegesellschaft für Osteopathie.
Nicht nur Knochen
behandelt
Das Wort „Osteopathie“ mag irreführend
sein, steht es doch hier
stellvertretend für sämtliche Gewebe
des Körpers, an denen gearbeitet
wird. Wobei die Osteopathie
mit den theoretischen Bereichen
der Schulmedizin zwar weitestgehend
übereinstimmt, aber ein
weitaus größeres Register für Diagnose
und Therapie zur Verfügung
hat. Nicht zuletzt durch ein
breites Spektrum an einmaligen –
aber immer sanften – manuellen
Techniken.
„Es ist ein Dialog mit dem Gewebe. Osteopathisch geschulte Hände ,hören‘, was das Gewebe zu erzählen hat und was der Körper braucht“, so Prim. Kainz. Wobei sich, genau genommen, die Osteopathie einfach um jene Systeme verstärkt kümmert, welche von der Schulmedizin in der Praxis vernachlässigt werden, wie bspw. das Faszien-, das viszerale und das kraniosakrale System.
Der Körper funktioniert als Einheit, so ihre Prämisse, und sämtliche seiner Systeme und Faktoren müssen in Diagnose und Therapie miteinbezogen werden.
Leben ist Bewegung
Der wichtigste Grundsatz bei
allem lautet: „Leben ist Bewegung“,
und so ist auch die Mobilität
oberstes diagnostisches und therapeutisches
Kriterium.
Wobei es eben nicht nur um die Beweglichkeit von Gelenken, sondern des gesamten Gewebes und der Körperflüssigkeiten geht. Das schließt die Mobilität und Motilität der Organe ebenso ein wie die subtile Rhythmik des kraniosakralen Systems.
Selbst minimale Blockaden, mikroskopische Verschiebungen, Versteifungen, Verklebungen bedeuten Mobilitätsverlust bzw. Dysfunktion und werden als „osteopathische Läsion“ definiert. Und da kein System, keine Struktur isoliert arbeitet, löst jede Dysfunktion eine Kettenreaktion aus, die entstehenden Pathologien werden als „Läsionsketten“ bezeichnet. Wobei der Osteopath immer nach der primären Läsion fahndet.
Prim. Kainz gibt ein Beispiel:
„Ein Patient bricht mit dem
Sessel ein oder stürzt vom Rad
und fällt auf den Steiß. Er vergisst
den banalen Vorfall. Nach einiger
Zeit stellen sich diffuse Rückenschmerzen
ein, die aber wieder
vergehen.
Und plötzlich, nach
vielleicht eineinhalb Jahren, bekommt
er massive, therapieresistente
Kopfschmerzen.“ Durch den
Sturz kommt es zu einer Läsion
des Steißbeins, die Dura leitet die
chronische Spannung weiter, daher
an „letzter“ Stelle der Kette
die Kopfschmerzen. In diesem Fall
muss also zuerst der Steiß wieder
in die richtige Position gebracht.
Akribische Anamnese
Auch lang zurückliegende Traumen,
wie bspw. ein Kaiserschnitt
oder eine Operation, sind vielfach
Ursache von Läsionsketten.
Deshalb kommt in der Osteopathie
einer akribischen Anamnese
– ähnlich wie in der Homöopathie
– große Bedeutung zu.
Abschließend noch ein eindrucksvolles Beispiel für die zahlreichen Möglichkeiten „ungeahnter“ Zusammenhänge aus der Praxis von Eric Géry: „Ein Patient kommt mit Sonnenbrille in die Praxis, und als er sie abnimmt, sehe ich, dass er schielt. Seit sechs Monaten, wie er berichtet. Ursache konnte keine gefunden werden, eine Kortisontherapie sei wirkungslos geblieben.
Meine Anamnese ergab allerdings,
dass er im Winter schwere
Bretter auf Schulter und Rücken
gewuchtet und getragen hatte. Bei
der Untersuchung habe ich dann
feinste, aber sehr starke Blockaden
im Schädel gefunden, welche den
Strabismus ausgelöst hatten.
Diese Blockaden könnten damals
durch eine Störung im Gewebestoffwechsel
entstanden sein,
bspw. durch die Kälte und dadurch
bedingte Minderdurchblutung. Die
schwere Last war dann für das System
zu viel.“
Die osteopathische
Behandlung an Schädel und Rücken
zeigten nach einer Woche
bereits eine leichte Besserung des
Schielens, und spezielle Augenübungen
taten dann den Rest. Der
Patient konnte wieder normal sehen.
Was die osteopathische Behandlung des kraniosakralen Systems betrifft, ist es Prim. Kainz noch wichtig zu ergänzen: „Ich bin kein Freund davon zu sagen, dass wir Schädelknochen ,verschieben‘. Treffender ist, dass wir am gesamten elastischen System des Kopfes arbeiten. Genauer, am reziproken Spannungssystem der Membranen.“ Und: „Nicht der Impuls des Therapeuten allein ist entscheidend für die Heilung, sondern die Stimulation der Selbstregulierungskraft des Patienten.“
Geschichte der Osteopathie Die Osteopathie wurde vom amerikanischen Arzt Andrew T. Still (1828 – 1917) begründet. Das Unvermögen, seine vier Kindern mit seinem medizinischem Wissen zu retten – drei starben an Meningitis, eines an Pneumonie –, stürzten ihn in eine tiefe Krise. Er suchte nach neuen Wegen der Heilung, wobei er nach der Idee vorging, dass es anatomische Störungen waren, welche die Durchblutung und die „Nervenkraft“ störten. Er studierte und reflektierte die Anatomie nicht nur mit äußerster Präzision, sondern auch mit großem Forschergeist. Unterschied zu manueller Therapie/ Chiropraktik Die manuelle Therapie und Chiropraktik lehnen sich zwar an strukturellen Teilen der Osteopathie an, vertreten aber völlig verschiedene Grundprinzipien. |
Breites Indikationsspektrum Die österreichische Ärztegesellschaft für Osteopathie nennt folgende Hauptindikationen der Osteopathie:
Und nicht zuletzt ist die Prophylaxe eine Stärke der Osteopathie! |
Lange Ausbildung 13 Semester dauert die Ausbildung zum Diplomierten Osteopathen, dessen Hände in 1850 Unterrichtsstunden geschult werden. Übrigens, in Amerika, dem Ursprungsland der Osteopathie, wird die Ausbildung in einem Vollzeitstudium absolviert. Die Studenten schließen mit dem Titel des Doktors der Osteopathie ab und haben alle Rechte eines ordentlichen Arztes. In Europa existiert das gesetzlich verankerte Berufsbild bisher nur in England. Im Rahmen der Rechtsstellung der nichtkonventionellen Medizinrichtungen berät das Europäische Parlament derzeit u.a. auch über die europaweite Anerkennung des Osteopathen. |











