03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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Was kann die Osteopathie?
Feinarbeit am Netzwerk des Körpers

WIEN – Was kann der Genuss von Erdbeeren mit einem Hexenschuss zu tun haben? Nichts, so scheint es auf den ersten Blick. Und wer wird bei schweren, therapieresistenten Kopfschmerzen gleich auf einen – lange zurückliegenden – harmlosen Sturz vom Rad als Ursache tippen? Was dem akribischen Auge der Schulmedizin manchmal verborgen bleibt, ihrer Logik trotzt, ihren Bemühungen widersteht – das können vielleicht die geschulte Hände der Osteopathen erspüren und mit einmaliger, feiner Technik wieder in einen Fluss bringen.

Wie ist das jetzt, mit den Erdbeeren und dem Hexenschuss? Es ist ein anschauliches Beispiel nicht nur für scheinbar „absurde“ medizinische Zusammenhänge, sondern auch für die oft erstaunliche Treffsicherheit und Feinheit osteopathischer Diagnostik.

Eric Géry, Mitbegründer der Gesellschaft für Osteopathie und Vizepräsident der European Federation of Osteopaths erzählt: „Es war im Sommer, als innerhalb von zwei Monaten viele Patienten zu mir kamen, die in der Früh ,rechteckig‘ aufgewacht sind. Nach eingehender Untersuchung war klar, dass immer der Darm die Ursache für den Hexenschuss war.
Es kam heraus, dass sich – jeweils am Vortag – die Patienten im Erdbeerland bis zum Umfallen vollgegessen hatten! Es kam zu einer massiven Gärung und dadurch bedingtem Überdruck im Darm. Mit dem Effekt, dass das Vegetativum auf diesen nozizeptiven Reiz überreagierte und ein Signal an die Muskeln der LWS schickte, welche mit einem Spasmus reagierten. Die Behandlung hat aber am Darm als primäre Ursache angesetzt.“

Es gäbe wohl noch eine Fülle an Beispielen für ungeahnte, subtile Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung, deren Auf„spüren“ eine der Stärken der Osteopathie ist. „Wir fangen an, wenn die Schulmedizin mit ihrem Latein am Ende ist“, so Prim. Dr. Andreas Kainz, D.O., FA für Physikalische Therapie und Präsident der ÖsterreichischeÄrztegesellschaft für Osteopathie.

Nicht nur Knochen behandelt
Das Wort „Osteopathie“ mag irreführend sein, steht es doch hier stellvertretend für sämtliche Gewebe des Körpers, an denen gearbeitet wird. Wobei die Osteopathie mit den theoretischen Bereichen der Schulmedizin zwar weitestgehend übereinstimmt, aber ein weitaus größeres Register für Diagnose und Therapie zur Verfügung hat. Nicht zuletzt durch ein breites Spektrum an einmaligen – aber immer sanften – manuellen Techniken.

„Es ist ein Dialog mit dem Gewebe. Osteopathisch geschulte Hände ,hören‘, was das Gewebe zu erzählen hat und was der Körper braucht“, so Prim. Kainz. Wobei sich, genau genommen, die Osteopathie einfach um jene Systeme verstärkt kümmert, welche von der Schulmedizin in der Praxis vernachlässigt werden, wie bspw. das Faszien-, das viszerale und das kraniosakrale System.

Der Körper funktioniert als Einheit, so ihre Prämisse, und sämtliche seiner Systeme und Faktoren müssen in Diagnose und Therapie miteinbezogen werden.

Leben ist Bewegung
Der wichtigste Grundsatz bei allem lautet: „Leben ist Bewegung“, und so ist auch die Mobilität oberstes diagnostisches und therapeutisches Kriterium.

Wobei es eben nicht nur um die Beweglichkeit von Gelenken, sondern des gesamten Gewebes und der Körperflüssigkeiten geht. Das schließt die Mobilität und Motilität der Organe ebenso ein wie die subtile Rhythmik des kraniosakralen Systems.

Selbst minimale Blockaden, mikroskopische Verschiebungen, Versteifungen, Verklebungen bedeuten Mobilitätsverlust bzw. Dysfunktion und werden als „osteopathische Läsion“ definiert. Und da kein System, keine Struktur isoliert arbeitet, löst jede Dysfunktion eine Kettenreaktion aus, die entstehenden Pathologien werden als „Läsionsketten“ bezeichnet. Wobei der Osteopath immer nach der primären Läsion fahndet.

Prim. Kainz gibt ein Beispiel: „Ein Patient bricht mit dem Sessel ein oder stürzt vom Rad und fällt auf den Steiß. Er vergisst den banalen Vorfall. Nach einiger Zeit stellen sich diffuse Rückenschmerzen ein, die aber wieder vergehen.
Und plötzlich, nach vielleicht eineinhalb Jahren, bekommt er massive, therapieresistente Kopfschmerzen.“ Durch den Sturz kommt es zu einer Läsion des Steißbeins, die Dura leitet die chronische Spannung weiter, daher an „letzter“ Stelle der Kette die Kopfschmerzen. In diesem Fall muss also zuerst der Steiß wieder in die richtige Position gebracht.

Akribische Anamnese
Auch lang zurückliegende Traumen, wie bspw. ein Kaiserschnitt oder eine Operation, sind vielfach Ursache von Läsionsketten. Deshalb kommt in der Osteopathie einer akribischen Anamnese – ähnlich wie in der Homöopathie – große Bedeutung zu.

Abschließend noch ein eindrucksvolles Beispiel für die zahlreichen Möglichkeiten „ungeahnter“ Zusammenhänge aus der Praxis von Eric Géry: „Ein Patient kommt mit Sonnenbrille in die Praxis, und als er sie abnimmt, sehe ich, dass er schielt. Seit sechs Monaten, wie er berichtet. Ursache konnte keine gefunden werden, eine Kortisontherapie sei wirkungslos geblieben.

Meine Anamnese ergab allerdings, dass er im Winter schwere Bretter auf Schulter und Rücken gewuchtet und getragen hatte. Bei der Untersuchung habe ich dann feinste, aber sehr starke Blockaden im Schädel gefunden, welche den Strabismus ausgelöst hatten. Diese Blockaden könnten damals durch eine Störung im Gewebestoffwechsel entstanden sein, bspw. durch die Kälte und dadurch bedingte Minderdurchblutung. Die schwere Last war dann für das System zu viel.“
Die osteopathische Behandlung an Schädel und Rücken zeigten nach einer Woche bereits eine leichte Besserung des Schielens, und spezielle Augenübungen taten dann den Rest. Der Patient konnte wieder normal sehen.

Was die osteopathische Behandlung des kraniosakralen Systems betrifft, ist es Prim. Kainz noch wichtig zu ergänzen: „Ich bin kein Freund davon zu sagen, dass wir Schädelknochen ,verschieben‘. Treffender ist, dass wir am gesamten elastischen System des Kopfes arbeiten. Genauer, am reziproken Spannungssystem der Membranen.“ Und: „Nicht der Impuls des Therapeuten allein ist entscheidend für die Heilung, sondern die Stimulation der Selbstregulierungskraft des Patienten.“

Geschichte der Osteopathie

Die Osteopathie wurde vom amerikanischen Arzt Andrew T. Still (1828 – 1917) begründet. Das Unvermögen, seine vier Kindern mit seinem medizinischem Wissen zu retten – drei starben an Meningitis, eines an Pneumonie –, stürzten ihn in eine tiefe Krise. Er suchte nach neuen Wegen der Heilung, wobei er nach der Idee vorging, dass es anatomische Störungen waren, welche die Durchblutung und die „Nervenkraft“ störten. Er studierte und reflektierte die Anatomie nicht nur mit äußerster Präzision, sondern auch mit großem Forschergeist.

Unterschied zu manueller Therapie/ Chiropraktik

Die manuelle Therapie und Chiropraktik lehnen sich zwar an strukturellen Teilen der Osteopathie an, vertreten aber völlig verschiedene Grundprinzipien.

Breites Indikationsspektrum

Die österreichische Ärztegesellschaft für Osteopathie nennt folgende Hauptindikationen der Osteopathie:

  • Störungen am Bewegungsapparat wie z.B.: Beschwerden an Wirbelsäule, Nacken und Gelenken, Schmerzen und chronische Beschwerden nach Unfällen (vor allem, wenn Störungen seit dem Unfall bestehen) und nach Operationen, Rückenschmerzen in der Schwangerschaft und nach Geburten
  • chronische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Schwindel, Verdauungsstörungen, Nasennebenhöhlenentzündungen, Regelbeschwerden, Reizblase, Störungen im Hormonhaushalt, Infertilität
  • bei Babies Schlafstörungen, Saug- und Schluckstörungen, Hüftprobleme, Schrei- und Spuckkinder, Schielen, Schiefhals, Koliken, nach schweren Geburten und Kaiserschnitt.
  • bei größeren Kindern Lern- und Konzentrationsstörungen, Bewegungsstörungen, Entwicklungsstörungen, beginnende Skoliosen (Wirbelsäulenverkrümmung), häufige Mittelohrentzündungen, Tubenkatarrhe, Paukenhöhlenerguß, Zahnfehlstellungen, Kieferregulierungen

Und nicht zuletzt ist die Prophylaxe eine Stärke der Osteopathie!

Lange Ausbildung

13 Semester dauert die Ausbildung zum Diplomierten Osteopathen, dessen Hände in 1850 Unterrichtsstunden geschult werden.

Übrigens, in Amerika, dem Ursprungsland der Osteopathie, wird die Ausbildung in einem Vollzeitstudium absolviert. Die Studenten schließen mit dem Titel des Doktors der Osteopathie ab und haben alle Rechte eines ordentlichen Arztes.

In Europa existiert das gesetzlich verankerte Berufsbild bisher nur in England. Im Rahmen der Rechtsstellung der nichtkonventionellen Medizinrichtungen berät das Europäische Parlament derzeit u.a. auch über die europaweite Anerkennung des Osteopathen.


© MMA, Medical Tribune • 39. Jahrgang • Nr. 37/2007
Foto: privat
Eric Géry, Foto: privat
Eric Géry
Prim. Dr. Andreas Kainz
Prim. Dr. Andreas Kainz
European Federation of Osteopaths E.F.O
Wiener Schule für Osteopathie
Österreichische Ärztegesellschaft für Osteopathie
Österreichische Gesellschaft für Osteopathie