03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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Geschlechtsunterschiede des Plazeboeffekts

Deutsche Forscher haben geschlechtsspezifische Unterschiede beim Plazeboeffekt untersucht. Sie konnten zeigen, dass eine in einem Drehstuhl induzierte Übelkeit (Bewegungskrankheit = motion sickness) durch Suggestionen verstärkt, aber auch durch Konditionierung erlernt werden kann. Die Probanden wurden in einen Drehstuhl gesetzt, der Übelkeit auslöst. Parallel dazu erhielten die Versuchspersonen einen kurzen Geschmacksreiz.

Die eine Hälfte gekoppelt mit der Information, dass es ihnen bei dem Geschmacksreiz deutlich übel würde, die andere Hälfte ohne diese Information. Besonders Männer zeigten sich anfällig für diese suggestive Beeinflussung.

In einer zweiten Gruppe wurde derselbe Versuch über drei Wochen erlernt. Hier zeigten sich vor allem Frauen anfälliger für die Übelkeit, sie verwerten offensichtlich einmal erlernte Erfahrungen anders als Männer.

Plazebo- und (wie in diesen Experimenten das Gegenteil davon) Nozeboeffekte können also auch in klinischen Medikamentenversuchen auf unterschiedliche Weise entstehen: Bei dem einen wirken die suggestiven Elemente stärker, beim anderen seine bisherige Erfahrung mit Krankheit und Behandlung. Der Plazeboeffekt ist wesentlich komplexer als bislang angenommen, und Geschlechtsunterschiede spielen auch hier eine Rolle.

Der Plazeboeffekt in klinischen, insbesondere pharmakologischen Versuchen kommt nach diesen Untersuchungen auf zwei Weisen zu Stande: Durch Konditionierung (Lernen), bei dem eine frühere, positive wie negative Erfahrung mit Medikamenten eine Rolle spielt, und durch aktuelle Erwartungen, die Patienten haben und die durch suggestive Informationen genährt werden, wie sie zum Beispiel auf Beipackzetteln stehen. Nozebo-Effekte, d.h. negative Wirkungen unter einer Plazebobehandlung, folgen den gleichen Regeln.

Für die Praxis: Frauen reagieren auf ihre Umwelt eher aus dem bisherigen Erfahrungsschatz heraus, Männer lassen sich eher durch Suggestion beeinflussen.

P. Enck et al., Neuron 2008; 59: 195 – 206

Plazeboeffekt bei Kindern

Kinder reagieren auf Medikamente anders als Erwachsene. Ob auch Plazebo bei ihnen anders wirkt, haben französische Forscher untersucht.

Dieser Metanalyse liegen 32 Studien mit Patienten, die unter therapieresistenter fokaler Epilepsie litten, zu Grunde. Studienteilnehmer von insgesamt fünf Studien waren auch Kinder. 19 % der Kinder reagierten auf die Gabe von Plazebo, indem sich die Anfälle um die Hälfte reduzierten. Dies war bei nur 10 % der Erwachsenen der Fall. Daneben war das relative Risiko des Therapieabbruchs bei Kindern geringer.

Für die Praxis: Die Befunde beruhen auf wenigen Daten zu Kindern, was die Aussagekraft einschränkt. Doch liefert die Untersuchung Hinweise darauf, dass die Plazebowirkung in Studien mit epilepsiekranken Kindern stärker ist als die bei Erwachsenen. Dies sollte in zukünftigen Studien auch zu anderen Krankheitsbildern berücksichtigt werden.

S. Rheims et al., PloS Medicine 2008; Vol. 5, No. 8

© MMA, Medical Tribune • 40. Jahrgang • Nr. 41/2008
Wissenschaft für die Praxis
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Univ.-Prof. Dr. Heinz F. Hammer
Medizinische Universität Graz
heinz.hammer@meduni-graz.at