Hilflosigkeit, ein Gefühl von Wertlosigkeit, der Verlust jeder Struktur: Arbeitslosigkeit kann den Weg in die Depression ebnen, gleichzeitig laufen Patienten mit Depressionen erst recht Gefahr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.
Mit seinem Konzept der „gelernten
Hilflosigkeit“ sorgte der amerikanische
Psychologe Martin Seligman
in den 60er und 70er Jahren für Aufsehen
in der Welt der Wissenschaft: Tiere,
aber auch Menschen, die über unangenehme
Reize – etwa laute Geräusche
– keine Kontrolle ausüben können,
verhalten sich in einem hohen
Prozentsatz „hilflos“, selbst wenn sie
später durch eine einfache Reaktion –
etwa einen Tastendruck – dem unangenehmen
Reiz entfliehen können.
Gemeinsam mit anderen Forschern
erweiterte Seligman später seine Er-kenntnisse um den Attributionsstil:
Wer die Erklärung für seine Hilflosigkeit
vor allem in internen, stabilen
und globalen Mustern sucht, sich etwa
sagt, dass er arbeitslos wurde, weil
er sowieso zu nichts taugt, wird umso
eher depressiv reagieren. Mehr noch:
„Je depressiver sie wurden, umso negativer
wurde der Aspekt ihrer Erklärungsmuster“,
schreibt Seligman
in seinem Buch „Pessimisten küsst
man nicht“ (Knaur).
Das Seligman’sche Konzept als eine
Erklärung für den Zusammenhang
zwischen Arbeitslosigkeit und Depression
heranzuziehen liegt nahe.
„Es ist sicher eine hilfreiche Denkfigur“,
bestätigt Dr. Michael Lenert, Arbeitspsychologe
bei der Arbeiterkammer
Wien. „Besonders wichtig ist der Aspekt des Kontrollverlustes: Arbeitslose
geraten in eine Lebenssituation,
in der sie kaum beeinflussen können,
was mit ihnen passiert.“ Depressive
Verstimmungen sind nur eine mögliche
Folge. „Der Verlust des Arbeitsplatzes
kann drastische Auswirkungen
auf den seelischen und körperlichen
Gesundheitszustand haben:
Angst, ein Gefühl innerer Leere,
Schlafstörungen oder leichte Ermüdbarkeit
sind nur einige davon.“
„Arbeitslosigkeitsneurose“
Hinzu kommt, dass in der Gesellschaft
nur der Wertschätzung erfährt,
der Arbeit hat. „Das Gefühl, gebraucht
zu werden, ist eng mit der
Arbeitstätigkeit verbunden“, berichtet
Lenert. Nicht selten versuchen Arbeitslose ihrer Familie und ihrem
Bekanntenkreis gegenüber so lange
es geht, den Schein zu wahren.
„Manchen gelingt es sogar, eine Zeit
lang vor ihrer eigenen Familie die Arbeitslosigkeit
zu verheimlichen.
Doch sobald zum Verlust der Arbeit
finanzielle Probleme bis zu echten
Existenzsorgen hinzukommen, gelingt
dies kaum mehr.“
Dass die existenzielle Bedeutung des
Berufes am deutlichsten sichtbar
wird, wenn die berufliche Arbeit zur
Gänze fortfällt, betont schon Viktor
Frankl in seinem Werk „Ärztliche
Seelsorge“. Er beschreibt die psychischen
Folgen der Arbeitslosigkeit
noch mit dem Begriff „Arbeitslosigkeitsneurose“:
„Die Arbeitslosen
werden zunehmend interesselos,
und ihre Initiative versandet immer
mehr.“ Die entstehende Apathie sei
nicht ungefährlich, denn sie mache
den Betroffenen unfähig, die helfende
Hand zu ergreifen, meint Frankl.
Gelegentlich könne die Arbeitslosigkeit
für den „Neurotiker“ allerdings
auch „Mittel zum Zweck“ sein – und
zwar dann, wenn die Neurose bereits
bestand und die Arbeitslosigkeit
gleichsam als Material in die Neurose
einfließt.
Ursache oder Wirkung?
Bei der Diskussion über den Zusammenhang
zwischen Arbeitslosigkeit
und Depression sind Ursache und
Wirkung mitunter kaum zu trennen,
betont Prim. Dr. Rainer Gross, Leiter
der Sozialpsychiatrischen Abteilung
am Krankenhaus Hollabrunn: „Die
Arbeitswelt wird immer härter, und
viele werden depressiv, weil sie dem
Druck nicht mehr standhalten“,
meint Gross. Der Kündigungsschutz
reiche meist nicht aus, und lange
Krankenstände führen immer häufiger
zu Entlassungen. „Wir haben viele
Patienten mit wackelnden Arbeitsplätzen,
und es ist oft ein Balanceakt,
Patienten mit einer Restsymptomatik
zurück an den Arbeitsplatz zu
schicken oder durch die längere Behandlung
erst recht den Verlust des
Arbeitsplatzes zu riskieren.“
Genauso kennt Gross das Phänomen
der Depression als Folge der Arbeitslosigkeit:
Etwa 100 arbeitslose Patienten
mit affektiven Störungen werden
pro Jahr an seiner Abteilung behandelt.
„Wer über 50 ist und als
schwer vermittelbar gilt, ist ganz besonders
gefährdet. Hinzu kommt
häufig der Versuch einer Selbstbe-handlung mit Alkohol.“ Besonders
drastisch werden die Auswirkungen
der Arbeitslosigkeit empfunden,
wenn Gesellschaft und Medien einem
ständig vor Augen führen, wie
leicht der Aufstieg auf der Karriereleiter
sei. „Es ist kein Wunder, wenn
sich arbeitslose Menschen die Sinnfrage
stellen.“ Ihnen zu empfehlen,
sie müssten sich nur eine andere
sinnstiftende Tätigkeit suchen, sei
beinahe zynisch.
Männer häufiger betroffen Aus seiner Erfahrung weiß Gross
auch, dass Männer häufiger mit Depressionen
auf Arbeitslosigkeit reagieren
als Frauen. „Für Männer ist
der Verlust der Arbeit eine noch
größere narzisstische Kränkung.“
Frauen könnten dagegen den Verlust
des Arbeitsplatzes leichter durch
ihren stärkeren Bezug zur Familie
kompensieren. „Ein Familienvater,
der den Arbeitsplatz verliert und an
einer Depression erkrankt, springt
nicht automatisch als Hausmann
ein“, betont Gross.
Gerade bei arbeitslosen, depressiven
Patienten müsse man sich in der Behandlung
auf die kognitiven Aspekte
konzentrieren. „Wir müssen den Angehörigen
sagen, dass es sich um eine
Erkrankung handelt, die es dem
Betroffenen vielleicht gar nicht möglich
macht, andere Aufgaben zu übernehmen
oder Fortbildungen zu absolvieren.
Wir müssen aber auch betonen,
dass die depressionsbedingte
kognitive Beeinträchtigung durch die
Behandlung wieder verschwindet“,
sagt Gross. Depressive Patienten
quälen sich mitunter enorm, weil sie
fürchten, dement zu werden.
KriseninterventionDass die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit
Menschen in schwere
Krisen bis hin zur Suizidalität stürzen
können, wissen die Psychiater des
Wiener Kriseninterventionszentrums.
Trauerreaktionen und selbstdestruktive
Impulse sind oft als Reaktionen
auf den Arbeitsplatzverlust zu finden
und können gleichzeitig zu Depressivität,
Depression und suizidaler Einengung
führen, erklärt Univ.-Prof. Dr.
Gernot Sonneck in seinem Buch „Krisenintervention
und Suizidverhütung“
(Facultas).
„Das ständige Erleben von Erfolglosigkeit
bei vergeblichen Bewerbungen,
Ziele die nicht erreicht werden –
das fördert eine Entwicklung zur Passivität,
und die Krise kann alleine
kaum gelöst werden“, bestätigt der
Ärztliche Leiter des Kriseninterventionszentrums
(KIZ) Dr. Claudius Stein.
Rund 15% der Klienten, die sich an das
KIZ wenden, sind ohne Arbeit. Langfristige
Hilfe abseits der akuten Krisenintervention
sei jedoch nicht einfach
zu vermitteln – meist ist eine längere
Psychotherapie erforderlich, dafür
gibt es aber wiederum zu wenig Kassenplätze.
Krankenschein vom AMS
Die Situation arbeitsloser, psychisch
Kranker war auch dem Wiener Neurologen
und Psychiater Dr. Albert
Wuschitz ein Anlass, via Presseaussendung
auf das Thema aufmerksam
zu machen. Alleine im ersten Quartal
dieses Jahres hatten 15 Prozent seiner
Patienten einen Krankenschein
vom Arbeitsmarktservice (AMS).
„Die Menschen fühlen sich kaum
unterstützt: Es ist, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen
wird“, ergänzt Wuschitz gegenüber
CliniCum psy. Viele der arbeitslosen
Patienten kämen schon
mit manifesten Symptomen einer
Depression in seine Ordination und
benötigen eine psychopharmakologische
Behandlung.
Auf einen alarmierenden Zusammenhang
zwischen Arbeitslosigkeit und
schlechtem, vor allem psychisch
schlechtem Gesundheitszustand verweist
zudem eine aktuelle Untersuchung
aus Deutschland. „Es ist ein
Teufelskreis: Zum einen sind Menschen,
die kränker sind, eher von Arbeitslosigkeit
bedroht als Gesunde.
Zum anderen wird davon ausgegangen,
dass Arbeitslosigkeit Krankheit
bedingt – unter anderem durch die finanzielle
Unsicherheit und den Wegfall
der Tagesstruktur“, betont Studienautorin
Anne Kathrin Stich, Sozialpädagogin
am Studiengang Gesundheitswissenschaften
der Technischen
Universität Berlin.
Die Kernaussage ihrer Studie: Arbeitslose
bewerten ihre gesundheitsbezogene
Lebensqualität deutlich
schlechter als Erwerbstätige, wobei
die Resultate unabhängig von Alter
und Familiensituation sind. Insgesamt
zeigten sich die gesundheitlichen
Auswirkungen bei Männern
drastischer als bei Frauen. „Ein möglicher
Grund dafür ist, dass Frauen
mit Lebenskrisen anders umgehen
als Männer“, bestätigt Stich.