03. September 2010
Clinicum Medizin Medien Austria

Arbeitslosigkeit & Depression: Der Fluch der Leistungsgesellschaft

Hilflosigkeit, ein Gefühl von Wertlosigkeit, der Verlust jeder Struktur: Arbeitslosigkeit kann den Weg in die Depression ebnen, gleichzeitig laufen Patienten mit Depressionen erst recht Gefahr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Mit seinem Konzept der „gelernten Hilflosigkeit“ sorgte der amerikanische Psychologe Martin Seligman in den 60er und 70er Jahren für Aufsehen in der Welt der Wissenschaft: Tiere, aber auch Menschen, die über unangenehme Reize – etwa laute Geräusche – keine Kontrolle ausüben können, verhalten sich in einem hohen Prozentsatz „hilflos“, selbst wenn sie später durch eine einfache Reaktion – etwa einen Tastendruck – dem unangenehmen Reiz entfliehen können. Gemeinsam mit anderen Forschern erweiterte Seligman später seine Er-kenntnisse um den Attributionsstil: Wer die Erklärung für seine Hilflosigkeit vor allem in internen, stabilen und globalen Mustern sucht, sich etwa sagt, dass er arbeitslos wurde, weil er sowieso zu nichts taugt, wird umso eher depressiv reagieren. Mehr noch: „Je depressiver sie wurden, umso negativer wurde der Aspekt ihrer Erklärungsmuster“, schreibt Seligman in seinem Buch „Pessimisten küsst man nicht“ (Knaur). Das Seligman’sche Konzept als eine Erklärung für den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Depression heranzuziehen liegt nahe. „Es ist sicher eine hilfreiche Denkfigur“, bestätigt Dr. Michael Lenert, Arbeitspsychologe bei der Arbeiterkammer Wien. „Besonders wichtig ist der Aspekt des Kontrollverlustes: Arbeitslose geraten in eine Lebenssituation, in der sie kaum beeinflussen können, was mit ihnen passiert.“ Depressive Verstimmungen sind nur eine mögliche Folge. „Der Verlust des Arbeitsplatzes kann drastische Auswirkungen auf den seelischen und körperlichen Gesundheitszustand haben: Angst, ein Gefühl innerer Leere, Schlafstörungen oder leichte Ermüdbarkeit sind nur einige davon.“

„Arbeitslosigkeitsneurose“

Hinzu kommt, dass in der Gesellschaft nur der Wertschätzung erfährt, der Arbeit hat. „Das Gefühl, gebraucht zu werden, ist eng mit der Arbeitstätigkeit verbunden“, berichtet Lenert. Nicht selten versuchen Arbeitslose ihrer Familie und ihrem Bekanntenkreis gegenüber so lange es geht, den Schein zu wahren. „Manchen gelingt es sogar, eine Zeit lang vor ihrer eigenen Familie die Arbeitslosigkeit zu verheimlichen. Doch sobald zum Verlust der Arbeit finanzielle Probleme bis zu echten Existenzsorgen hinzukommen, gelingt dies kaum mehr.“ Dass die existenzielle Bedeutung des Berufes am deutlichsten sichtbar wird, wenn die berufliche Arbeit zur Gänze fortfällt, betont schon Viktor Frankl in seinem Werk „Ärztliche Seelsorge“. Er beschreibt die psychischen Folgen der Arbeitslosigkeit noch mit dem Begriff „Arbeitslosigkeitsneurose“: „Die Arbeitslosen werden zunehmend interesselos, und ihre Initiative versandet immer mehr.“ Die entstehende Apathie sei nicht ungefährlich, denn sie mache den Betroffenen unfähig, die helfende Hand zu ergreifen, meint Frankl. Gelegentlich könne die Arbeitslosigkeit für den „Neurotiker“ allerdings auch „Mittel zum Zweck“ sein – und zwar dann, wenn die Neurose bereits bestand und die Arbeitslosigkeit gleichsam als Material in die Neurose einfließt.

Ursache oder Wirkung?

Bei der Diskussion über den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Depression sind Ursache und Wirkung mitunter kaum zu trennen, betont Prim. Dr. Rainer Gross, Leiter der Sozialpsychiatrischen Abteilung am Krankenhaus Hollabrunn: „Die Arbeitswelt wird immer härter, und viele werden depressiv, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten“, meint Gross. Der Kündigungsschutz reiche meist nicht aus, und lange Krankenstände führen immer häufiger zu Entlassungen. „Wir haben viele Patienten mit wackelnden Arbeitsplätzen, und es ist oft ein Balanceakt, Patienten mit einer Restsymptomatik zurück an den Arbeitsplatz zu schicken oder durch die längere Behandlung erst recht den Verlust des Arbeitsplatzes zu riskieren.“ Genauso kennt Gross das Phänomen der Depression als Folge der Arbeitslosigkeit: Etwa 100 arbeitslose Patienten mit affektiven Störungen werden pro Jahr an seiner Abteilung behandelt. „Wer über 50 ist und als schwer vermittelbar gilt, ist ganz besonders gefährdet. Hinzu kommt häufig der Versuch einer Selbstbe-handlung mit Alkohol.“ Besonders drastisch werden die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit empfunden, wenn Gesellschaft und Medien einem ständig vor Augen führen, wie leicht der Aufstieg auf der Karriereleiter sei. „Es ist kein Wunder, wenn sich arbeitslose Menschen die Sinnfrage stellen.“ Ihnen zu empfehlen, sie müssten sich nur eine andere sinnstiftende Tätigkeit suchen, sei beinahe zynisch.

Männer häufiger betroffen

Aus seiner Erfahrung weiß Gross auch, dass Männer häufiger mit Depressionen auf Arbeitslosigkeit reagieren als Frauen. „Für Männer ist der Verlust der Arbeit eine noch größere narzisstische Kränkung.“ Frauen könnten dagegen den Verlust des Arbeitsplatzes leichter durch ihren stärkeren Bezug zur Familie kompensieren. „Ein Familienvater, der den Arbeitsplatz verliert und an einer Depression erkrankt, springt nicht automatisch als Hausmann ein“, betont Gross. Gerade bei arbeitslosen, depressiven Patienten müsse man sich in der Behandlung auf die kognitiven Aspekte konzentrieren. „Wir müssen den Angehörigen sagen, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die es dem Betroffenen vielleicht gar nicht möglich macht, andere Aufgaben zu übernehmen oder Fortbildungen zu absolvieren. Wir müssen aber auch betonen, dass die depressionsbedingte kognitive Beeinträchtigung durch die Behandlung wieder verschwindet“, sagt Gross. Depressive Patienten quälen sich mitunter enorm, weil sie fürchten, dement zu werden.

Krisenintervention

Dass die psychischen Folgen von Arbeitslosigkeit Menschen in schwere Krisen bis hin zur Suizidalität stürzen können, wissen die Psychiater des Wiener Kriseninterventionszentrums. Trauerreaktionen und selbstdestruktive Impulse sind oft als Reaktionen auf den Arbeitsplatzverlust zu finden und können gleichzeitig zu Depressivität, Depression und suizidaler Einengung führen, erklärt Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck in seinem Buch „Krisenintervention und Suizidverhütung“ (Facultas). „Das ständige Erleben von Erfolglosigkeit bei vergeblichen Bewerbungen, Ziele die nicht erreicht werden – das fördert eine Entwicklung zur Passivität, und die Krise kann alleine kaum gelöst werden“, bestätigt der Ärztliche Leiter des Kriseninterventionszentrums (KIZ) Dr. Claudius Stein. Rund 15% der Klienten, die sich an das KIZ wenden, sind ohne Arbeit. Langfristige Hilfe abseits der akuten Krisenintervention sei jedoch nicht einfach zu vermitteln – meist ist eine längere Psychotherapie erforderlich, dafür gibt es aber wiederum zu wenig Kassenplätze.

Krankenschein vom AMS

Die Situation arbeitsloser, psychisch Kranker war auch dem Wiener Neurologen und Psychiater Dr. Albert Wuschitz ein Anlass, via Presseaussendung auf das Thema aufmerksam zu machen. Alleine im ersten Quartal dieses Jahres hatten 15 Prozent seiner Patienten einen Krankenschein vom Arbeitsmarktservice (AMS). „Die Menschen fühlen sich kaum unterstützt: Es ist, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggerissen wird“, ergänzt Wuschitz gegenüber CliniCum psy. Viele der arbeitslosen Patienten kämen schon mit manifesten Symptomen einer Depression in seine Ordination und benötigen eine psychopharmakologische Behandlung. Auf einen alarmierenden Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und schlechtem, vor allem psychisch schlechtem Gesundheitszustand verweist zudem eine aktuelle Untersuchung aus Deutschland. „Es ist ein Teufelskreis: Zum einen sind Menschen, die kränker sind, eher von Arbeitslosigkeit bedroht als Gesunde. Zum anderen wird davon ausgegangen, dass Arbeitslosigkeit Krankheit bedingt – unter anderem durch die finanzielle Unsicherheit und den Wegfall der Tagesstruktur“, betont Studienautorin Anne Kathrin Stich, Sozialpädagogin am Studiengang Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität Berlin. Die Kernaussage ihrer Studie: Arbeitslose bewerten ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität deutlich schlechter als Erwerbstätige, wobei die Resultate unabhängig von Alter und Familiensituation sind. Insgesamt zeigten sich die gesundheitlichen Auswirkungen bei Männern drastischer als bei Frauen. „Ein möglicher Grund dafür ist, dass Frauen mit Lebenskrisen anders umgehen als Männer“, bestätigt Stich.
Wiener Studie

Eine kürzlich abgeschlossene Untersuchung, die gemeinsam vom AMS und von der Klinisichen Abteilung für Arbeitsmedizin am Wiener AKH durchgeführt wurde, deutet ebenfalls darauf hin, dass sich mit der Dauer der Arbeitslosigkeit der psychische wie physische Gesundheitszustand verschlechtert. Als unmittelbare Reaktion auf die Studienergebnisse soll spätestens im Jänner 2006 ein Pilotprojekt gestartet werden. „Es handelt sich dabei um ein Drei-Säulen-Interventionsprogramm, das neben medizinischer und psychologischer Beratung auch ein Wirtschaftscoaching umfasst“, sagt Mag. Andrea Egger, Klinische und Gesundheitspsychologin. Veröffentlicht werden die Ergebnisse der Studie noch in diesem Herbst.

Suche nach Angeboten

Den Kreislauf zu durchbrechen und eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu erreichen ist trotz mehrfacher Bemühungen für manche so gut wie unmöglich. Einrichtungen wie das Berufliche Bildungsund Rehabilitationszentrum (BBRZ) bieten zwar Orientierungsmaßnahmen und Arbeitstrainings für arbeitslose Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, wobei die Erfolgsquote bei rund 50 Prozent liegt. Die Nachfrage durch Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen ist jedoch in letzter Zeit deutlich angestiegen, schildert Roman Ruprecht, Abteilungsleiter für Kundenservice beim BBRZ Wien. Ebenso im Vormarsch sind Krankenstandszahlen sowie die Zahl der als arbeitslos gemeldeten Personen: Laut AMS Österreich gab es Anfang Juli rund 211.000 Arbeitslose, das entspricht einer Zunahme um 4,2 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Ein Vorschlag des Wiener Neurologen und Psychiaters Wuschitz lautet daher, für Arbeitslose und an Depressionen Erkrankte eigene Selbsthilfegruppe einzurichten: „Der Kontakt zu Menschen in ähnlichen Situationen kann Hoffnung geben und das Selbstwertgefühl heben“, meint Wuschitz.

Selbsthilfe

„Man muss nicht unbedingt Fachmann sein, um den Zusammenhang zwischen Depression und Arbeitslosigkeit zu erkennen“, sagt Carla Stanek von der Selbsthilfegruppe D&A – Depression und Angst. Die Patientenvertreterin beurteilt die Situation der Hilfsangebote jedoch weit weniger drastisch als die Ärzte: „Es gibt Therapeuten, die Sozialplätze anbieten und Kassenplätze für Psychotherapie, wenn auch mit entsprechend langer Wartezeit.“ In vielen Fällen, so die Erfahrung von Stanek, wären zwar finanzielle Mittel für Therapien vorhanden, „alleine die Menschen sind immer weniger bereit, Geld dafür auszugeben.“ Der Club D&A selbst bietet etwa Gesprächsrunden „zu einem ganz niedrigen Preis“ an. „Bei uns gibt es aber kein gemütliches Elend: Es darf zwar gejammert werden, aber irgendwann müssen Betroffene die Bereitschaft zeigen, dass sie wieder gesund werden wollen.“ Stanek plädiert darüber hinaus für ein verstärktes Engagement bei der Arbeitssuche. „Es gibt genügend Beispiele von Menschen, die sich etwa infolge von Scheidungen zunächst mit einer Tätigkeit unter ihrem Niveau zufrieden geben mussten, es dann aber wieder geschafft haben, nach oben zu kommen.“ Schwieriger sei es jedoch, wenn jemand aufgrund einer depressiven Störung den Arbeitsplatz verliert. „Langsam ist jedoch in der Arbeitswelt ein Sinneswandel festzustellen. Wenn sich jemand total verausgabt, bis hin zu Burn-out und Depression, mit seinem Vorgesetzten offen spricht und ihn um eine Aus-Zeit bittet, dann stößt er mitunter auf Verständnis – vielleicht outet sich der Chef sogar selbst und sagt, dass er eine solche Situation schon erlebt hat.“

Schutzfaktoren?

Letztlich sollte die Tatsache Anlass zur Hoffnung geben, dass Menschen trotz Schicksalsschlägen wie unverschuldeter Kündigung und Arbeitslosigkeit seelisch gesund bleiben und nicht verzweifeln. Bereits Viktor Frankl oder Martin Seligman weisen in ihren Büchern darauf hin: Mag es auf eine optimistischere Lebenseinstellung (Seligman) zurückzuführen sein oder auf die Tatsche, dass sich die Menschen zwar nicht mehr beruflich, sondern anderweitig – etwa als freiwillige Helfer in Organisationen – engagieren (Frankl). Jedenfalls scheint es Schutzfaktoren zu geben, die zu erforschen der Wissenschaft allerdings noch immer Rätsel aufgibt. „Wie wir aus jüngsten psychobiologischen Forschungsarbeiten wissen, trägt die genetische Ausstattung zur Entstehung von Depressionen bei – wie weit die Gene aber freigeschalten werden, da spielt wiederum die Umwelt eine entscheidende Rolle“, betont Gross.

Sozialstudie aus den 30er Jahren

Es war eine der ersten sozialwissenschaftlichen
Untersuchungen überhaupt, und sie dient
bis heute als Paradebeispiel der empirischen
Sozialforschung: „Die Arbeitslosen von Marienthal“
von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und
Hans Zeisel. Erstmals 1933 veröffentlicht, wird
darin die psychologische Situation einer Population
Arbeitsloser in der niederösterreichischen
Gemeinde Marienthal exakt dokumentiert. Detailliert
beschreiben die Wissenschafter, wie der
Verlust der Arbeit infolge Stilllegung der nahen
Fabrik zum Verlust von Sinnzusammenhang, Orientierung
und Fixpunkten führt – vor allem bei
Männern. „Der Tag der Frauen ist von Arbeit erfüllt:
sie kochen und scheuern, sie flicken und
versorgen die Kinder, (...)“, heißt es in der Studie.
Für die arbeitslosen Männer dagegen folgt nach
mehr als 100 vergeblichen Bewerbungen, „irgendwo
anders unterzukommen“, oft der Absturz:
„Der Absturz tritt gewöhnlich dann ein, wenn
Ehrgeiz und große Ansprüche früher das Leben
des Betreffenden beherrscht haben“, schreiben
Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel.
„Die Studie zeigt aber auch, dass es eine Gruppe
gab, die an der Arbeitslosigkeit nicht zerbrach: es
waren vor allem jene, die sich politisch engagierten“,
erklärt dazu Psychiater Dr. Rainer Gross. Im
Unterschied zur Situation in den 30er Jahren gibt
es für Arbeitslose heute aber einen weiteren gravierenden
Nachteil: „Damals wurde die Arbeitslosigkeit
auf die schlechte wirtschaftliche Situation
zurückgeführt, heute wird Arbeitslosigkeit
noch viel mehr als individuelles Versagen
erlebt und damit der Kreislauf aus Schuldgefühlen
und neuerlichem Versagen erst recht in
Gang gesetzt.“
Von Mag. Christina Maria Hack

© MMA, CliniCum psy 4/2005
Arbeitslosigkeit

Eine aktuelle Untersuchung des AMS und der Klinisichen Abteilung für Arbeitsmedizin am Wiener AKH deutet darauf hin, dass sich mit der Dauer der Arbeitslosigkeit der psychische wie physische Gesundheitszustand verschlechtert.
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