Der eine gibt sich als Zahnarzt aus und richtet gehörigen Schaden an. Der andere täuscht vor, ein Arbeitsmediziner zu sein, um junge Frauen einer gründlichen Untersuchung zu unterziehen. Und ein dritter macht mit gefälschten Papieren Karriere in der Psychiatrie, deren Daseinsberechtigung er kritisch hinterfragt.Was sind das für Menschen, die sich die Mühe machen, trotz fehlender Ausbildung und Befugnis den Beruf eines Arztes auszuüben?
Gleich am Anfang, damit ich es hinter mir habe, ein
Geständnis: Ich bin ein Hochstapler. Für mich selbst ist
das auch überraschend, das können Sie mir glauben. Bis
vor ein paar Tagen wusste ich noch gar nichts davon. Oder
sagen wir besser: Ich hab das Problem falsch benannt.
Dieses Gefühl, nicht zu genügen. Diesen Zweifel, ob meine
Artikel ihr Honorar überhaupt wert sind. Diese Angst,
dass meine mangelhaften Kenntnisse und Fähigkeiten
entlarvt werden könnten. All das, so las ich in einem
schlauen Buch, sind die Ingredienzen für einen „neurotischen“
Hochstapler. Ein Mix aus fehlendem Selbstwertgefühl,
Schuldgefühlen, Angst und Stress.
Keine Sorge: All zu stark sind diese Eigenschaften bei mir
nicht vertreten. Sonst würde ich ja keinen einzigen Satz
zustande bringen. Und schon gar nicht so viele Sätze wie
hier. Um ganz ehrlich zu sein: Ich habe diese Diagnose
nur auf mich bezogen, um mich wichtig zu machen. Um
mich durch Erniedrigung z ju erhöhen. Das funktioniert
in einem katholischen Land trotz Ich-Aktien-Schaumschlägerei
immer noch recht gut. Zudem bringt dieser
kleine Betrug mehr Zeilen, sprich mehr Geld. Womit wir
endlich bei der zweiten Sorte von Hochstaplern wären,
den „echten“ Hochstaplern. Das sind Menschen, deren
Identität weniger auf realen Fertigkeiten und Leistungen
beruht als vielmehr auf betrügerischem Verhalten,
sagt das Lexikon. Doch sind damit schon jene Menschen
klassifiziert, die sich die Mühe machen, trotz fehlender
Ausbildung und Befugnis den Beruf eines Arztes auszuüben?
Zimmermann als Zahnarzt
Schuldgefühle und Selbstzweifel dürften jenen Wolfgang
G., der unter dem Namen „Dr. Frank“ bei einer niederösterreichischen
Zahnärztin als Urlaubsvertretung und
Wahlarzt werkte, jedenfalls nicht geplagt haben. „,Herr
Doktor, ich hatte noch nie einen so guten Arzt‘, das habe
ich oft gehört. Es waren immer alle mit mir zufrieden und
sind gerne und freiwillig wiedergekommen“, erzählt er in
der Untersuchungshaft. Hat hier das Wunschdenken die
Erinnerungen radikal umgeschrieben? Als der Hochstapler
G. aufflog, bekamen die Behörden von den Patienten
des „Dr. Frank“ (diesen Zahnarzt gibt es übrigens auch
„in echt“, G. hatte bei einem Einbruch gezielt seine Dokumente
geklaut) jedenfalls ganz andere Dinge zu hören:
Von abgebrochenen Betäubungsspritzenhülsen war hier
die Rede (das grausliche Zeug rann den Patienten in den
Rachen und sorgte für nachhaltige Geschmacklosigkeit),
von durchbohrten Kronen, von dauerhaften Schädigun-
gen von Zähnen, Zahnfleisch und Kieferknochen. Ganz
zu schweigen von den angeknacksten Psychen, welche
diese oft besonders schmerzhaften Mundbearbeitungen
des gelernten Zimmermanns hinterlassen haben. Lob
war da jedenfalls keines zu hören.
Briefträger als Psychiater
Ganz anders im Fall Gert Postel. Der deutsche Briefträger
aus Flensburg, der fast 20 Jahre lang den gesamten Medizinbetrieb
an der Nase herumführte, zuletzt als Oberarzt
in einer psychiatrischen Klinik, genießt auch heute noch
höchste Anerkennung, in manchen Kreisen sogar Kultstatus.
Kein Patient erlitt durch seine Tätigkeit Schaden. Die
ehemaligen Kollegen stellen dem Mann, der mit gefälschten
Zeugnissen arbeitete, nach wie vor ein gutes Zeugnis
aus, natürlich nur mündlich. Selbst das sächsische Justizministerium
schaffte es nicht, das Geld für die Gerichtsgutachten,
die der Hochstapler im Laufe seiner Karriere
anfertigte, einzuklagen, denn keine seiner Expertisen enthielt
einen Fehler. Es gibt sogar einen aktiven „Gert Postel
Fan-Club“. Und die „Bundesarbeitsgemeinschaft Psychiatrie-
Erfahrener“ hat Postel zu ihren Schirmherrn ernannt.
Den Heldenstatus unter den Psychiatrie-Erfahrenen erwarb
sich Gert Postel bereits in der Anfangsphase seiner
kuriosen Hochstapler-Karriere. Brauchte man in vergangenen
Zeiten noch feine Kleider, eine elegante Kutsche
und mitunter sogar livrierte Diener, um die Kluft zwischen
Sein und Schein zu überwinden, genügten dem
medizin-interessierten Briefträger 1982 gefälschte Zeugnisse,
weißer Mantel, selbstsicher-arrogantes Auftreten,
angelesenen Fachjargon und eine gewisse Chuzpe, um
als stellvertretender Amtsarzt in Flensburg eingestellt zu
werden. Unter dem Namen Dr. Clemens Bartholdy erledigte
er seine Aufgabe bemerkenswert erfolgreich: Er reformierte
die Einweisungspraxis in psychiatrische Kliniken
(unter seiner Leitung sank die Zahl der Zwangseinweisungen
um 86 Prozent!), leitete den sozialpsychiatrischen
Dienst, war amtlich bestellter Hafenarzt und
Leichenbeschauer, schrieb Gutachten und hielt sogar
Vorträge vor Fachkollegen. Niemand merkte, dass er eigentlich
keine Ahnung hatte.
Steile Karriere
Aufgedeckt wurde der Schwindel, als Postel einmal seine
Brieftasche verlor: Dort steckten zwei Ausweise, einer
auf den richtigen Namen ausgestellt, der andere auf den
falschen. Im Dezember 1984 wurde Gert Postel in
Schleswig-Holstein wegen Missbrauchs akademischer
Titel, Betruges und Urkundenfälschung vom Landgericht
Flensburg zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, ausgesetzt
auf Bewährung. Die Strafe sei so milde, hieß es in
der Urteilsbegründung, weil es ihm die Gesundheitsbehörden
so leicht gemacht hätten und er keinen Schaden
angerichtet habe.
Kein Grund also, den Arztkittel an den Nagel zu hängen.
Der Briefträger ohne höhere Schulbildung werkte als
praktischer Arzt in Oldenburg, als leitender Arzt in einem
Rehabilitationszentrum in Bremen, als Stabsarzt
bei der Bundeswehr, als Begutachtungsarzt für die Erstellung
von Rentengutachten im Berufsförderwerk Berlin-
Brandenburg und als Dermatologe in einem „Haar-
Institut“. Dann, 1993, mittendrin im stressigen Arztleben,
eine Depression, deretwegen er sich in der Berliner
Charite behandeln lässt. Im Anschluss an die offenbar
erfolgreiche Psychotherapie folgte Gert Postels Meisterstück
im Sächsischen Krankenhaus in Zschadraß.
Sprachakrobatik plus Inszenierung
Anfang 1995 gibt sich der Meister-Hochstapler als Prof.
Gert von Berg von der Psychiatrischen Universitätsklinik
aus und erzählt dem Chef des Sächsischen Krankenhauses
telefonisch vom „ausnehmend tüchtigen Funktionsarzt“
Dr. Postel. Nur wenige Monate später ist der Kandidat
mit den ausgezeichneten Referenzen Oberarzt am
„Leipziger Zauberberg“, wie er die Klinik später in seinem
Buch „Doktorspiele – Bekenntnisse eines Hoch-
staplers“ nennt. Der gewitzte Postler Postel steht am
Höhepunkt seiner Karriere, und das sogar unter eigenem
Namen. Er ist Vorgesetzter von 28 Ärzten, bestimmt über
Entlassungen und Einstellungen. Seine fachliche Kompetenz
ist unbestritten. Er bekommt eine Chefarzt-Position
für forensische Psychiatrie angeboten. Der Minister
lädt ihn zum Gespräch. Er verarscht sie alle. Er düpiert
das ganze etablierte Heilsystem. In einem Vortrag vor
hundert Psychiatern führt er unverfroren die „bipolare
Depression dritten Grades“ ein, es wird unwidersprochen
geschluckt.
Ist alles Akademische in der Psychiatrie nur leeres Wortgeklingel?
„Psychiatrie ist Sprachakrobatik plus ein wenig
Inszenierung“, sagt Postel und sieht sich als „Hochstapler
unter Hochstaplern“. Das begrenzte Fachidiom sei schnell
erlernt. Wer sich auffällig lebhaft gebärdet, leide an einer
„akuten Psychose aus dem schizophrenen Formenkreis“,
wer sich still verhält, an einer „symptomschwachen autistischen
Psychose“.
Wo das Bluffen am leichtesten ist
Ist die Sache wirklich so einfach? Oder ist Postel ein
Mann, der neben der hohen Kunst der Täuschung auch
noch über ein hohes Maß an Sensibilität und emotionaler
Intelligenz verfügt und sich so für den Beruf des Heilers
qualifiziert? Oder kann es sein, dass ausgebildete
Psychiater und Psychotherapeuten von der menschlichen
Seele auch nicht mehr wissen als ein Normalbürger
mit Empathie? – Postel in seinem lesenswerten Bekennerbuch
„Doktorspiele“: Das Bluffen sei in allen medizinischen
Disziplinen am leichtesten in der Psychiatrie
möglich. „Es lässt sich in der Psychiatrie alles, aber auch
alles plausibel begründen, das Gegenteil und auch das
Gegenteil vom Gegenteil. Wer die psychiatrische Sprache
beherrscht, der kann grenzenlos jeden Schwachsinn formulieren
und ihn in das Gewand des Akademischen
stecken. Psychiatrie kann man auch einer dressierten
Ziege beibringen.“
Auch beim Zauberberg-Coup fiel Postels Schwindel nicht
durch ärztliches Unvermögen auf, sondern durch einen
Zufall: Ein älteres Ehepaar aus Flensburg, das im Krankenhaus
einen Besuch absolvierte, enttarnte ihren ehemaligen
Briefträger. Der tauchte unter, entkam den Ermittlern
in den nächsten zehn Monaten immer wieder
(eine Leipziger Staatsanwältin und eine Stuttgarter Richterin,
mit beiden hatte er eine Affäre, sollen geholfen ha-
ben). Im Mai 1998 wurde Gert Postel schließlich verhaftet,
im Jänner 1999 zu vier Jahren Haft verurteilt, 2001
entlassen. Im selben Jahr brachte er das Buch „Doktorspiele“
heraus. Seitdem ist Postel gern gesehener Gast in
Talkshows und bei Diskussionsveranstaltungen.
Die Psychiatrie scheint wirklich ein gutes Revier für
Hochstapler. Ein Kollege Postels schaffte es im Schweizer
Wallis ganze 18 Jahre lang, unentdeckt zu ordinieren.
Dann schloss der falsche Arzt seine Praxis, weil er angeblich
selber psychisch erkrankte. In den folgenden
vier Jahren bezog er 435.000 Schweizer Franken an
Versicherungsleistungen für den Lohnausfall. Die Versicherung
untersuchte die Sache und entdeckte, dass
die Diplome ihres Klienten gefälscht waren. Nun muss
der selbst ernannte Psychiater 300.000 Franken zurückzahlen.
Geldgier als Motivation
Auf Geld aus war auch der 52-jährige Österreicher Norbert
R., laut Polizei „ein Betrüger der alten Schule“, der
zwischen 1998 und 2002 als der praktische Arzt „Dr. Norbert
Walther“ und „Dr. Rössl“ Praxen in Wien, Hollabrunn
und Dornbirn führte. Der Mann mit dem Ausbildungsstatus
Hauptschulabschluss schädigte nicht nur
Patienten (z.B. entließ er eine krebskranke Frau mit der
Diagnose „leichte Verkühlung“), sondern erleichterte
auch seine Freundinnen um stattliche Eurobeträge.
Ausschließlich zur Tarnung schlüpfte 1998 ein 24-jähriger
Dieb in die Arztrolle, genauer gesagt in die eines Kieferchirurgen.
Als solcher unternahm er ausgedehnte
Diebstouren durch das Wiener AKH, ehe ihn Krankenschwestern
auf frischer Tat ertappten. Doch warum ausgerechnet
als Kieferchirurg? Eine in der Zahnmedizin verwendete Zange leistete dem jungen Mann beim Einbrechen
in die Personalkästen wertvolle Dienste.
Zu Höherem berufen
Geldgier ist ein eher seltenes Motiv bei jenen Hochstaplern,
die sich als Ärzte versuchen. Nicht selten nehmen
hier Leute den Doktortitel an, die irgendwie schon mit der
Materie zu tun hatten und sich zu Höherem berufen
fühlen: Studienabbrecher, Zahntechniker, Pfleger. Der
oben erwähnte falsche Zahnarzt Wolfgang G. versuchte
sich erst als Assistent, bevor ihn die Selbstüberschätzung
zu tieferen Bohr-Aufgaben verleitete.
Und der 41-jährige Kinderarzt Thomas R., der ein halbes
Jahr in einem Gesundheitszentrum im niederösterreichischen
Bockfließ arbeitete, entpuppte sich heuer im Sommer
als arbeitsloser Krankenpfleger. R.s Eintrittskarte in
den Akademikerstand: selbstsicheres Auftreten, eine sonore
Stimme und selbst gefertigte Dokumente. Zu Schaden
kam niemand, Anzeige wurde nicht erstattet, doch
das Gesundheitszentrum musste zusperren, da die Klienten
nach dem „Skandal“ ausblieben. Sogar die Flugrettung
vertraute dem charmanten Krankenpfleger: Als Mediziner
flog er nach Thailand, um Tsunami-Opfer zu retten.
An Frauen herankommen
Seltsam, bei meinen Hochstapler-Recherchen, Abteilung
Medizin, stoße ich ausschließlich auf Männer. Ist das
Bedürfnis bei Männern, als etwas Besseres dazustehen,
größer als bei Frauen? Definieren sie sich eher über
Titel, Geld und all die anderen äußerlichen Wichtigkeiten?
Oder sind Frauen als Hochstaplerinnen nur geschickter,
werden nie entdeckt? Abgesehen von jener falschen
Magistra im Kabinett des einstigen Sozialministers Haupt.
Aber die wurde vielleicht von ihrem Nachnamen Fabel
verführt – und als Ärztin hat sie sich auch nicht ausgegeben,
nicht einmal als Tierärztin.
Bleiben wir also bei den Männern. Ein eher krankhafter
Beweggrund von Männern, sich als Arzt auszugeben oder
besser gesagt „Doktor zu spielen“, könnte unter dem Titel
„Frauen untersuchen“ stehen. So jedenfalls das Motto jenes
31-jährigen Grazers, der bar jeder medizinischen Ausbildung
für einen Tag eine voll eingerichtete Praxis in der
Therme Blumenau mietete und dort elf junge Frauen derart
intensiv untersuchte, dass er sich eine bedingte
Haftstrafe von acht Monaten wegen massiver sexueller
Belästigung einhandelte. Die Frauen hatten sich auf sein
Stellenangebot für einen Kellnerinnen-Job gemeldet und
waren die Bedingung eingegangen, sich zuvor vom „Arbeitsmediziner
Dr. Schweighardt“ durchchecken zu lassen.
Sie zahlten dem Betrüger dafür auch noch je 40 Euro.
Noch perfider ging der 60-jährige Rudolf K. vor. In seiner
„Praxis“ behandelte er sexuell missbrauchte Mädchen. Sie
sollten sich für gynäkologische Untersuchungen ausziehen,
wobei sie der pensionierte Lehrer mit versteckter Kamera
filmte.
Pseudologia phantastica
Es gibt also auch unter den falschen Ärzten solche und
solche, und zwecks des Gleichgewichts will ich schnell
noch einmal zu einem der sympathischeren Hochstapler
zurückkehren, zu Gert Postel. Als er am „Leipziger Zauberberg“
einmal von seinem Chefarzt über das Thema seiner
Dissertation befragt wurde, sagte er: „Die Pseudologia
phantastica am literarischen Beispiel der Figur des Felix
Krull nach dem gleichnamigen Roman von Thomas
Mann.“ Pseudologia phantastica? Ich schau im Lexikon
nach: „Ausgefeilte Lügen, mit denen der Hochstapler sein
Publikum beeindruckt, fungieren gewissermaßen als
Deckerinnerungen, die tatsächliche Ereignisse gleichzeitig
offenbaren und verbergen.“ Ein starkes Stück! Doch der
Chefarzt übersah diesen Wink mit dem doppelten Zaunpfahl.
Vielleicht hätte er auch im Lexikon nachblättern sollen.
Doch etwas nicht zu wissen passt nicht zum Berufsbild
eines Arztes. Da will sich niemand mit Fragen eine
Blöße geben und nickt wohlinformiert auch noch zur „bipolaren
Depression vierten Grades“.
Zum Autor
Und nun steck ich zum Schluss selbst in einem weißen
Arztkittel und bin doch noch ein echter Hochstapler. Und
zwar auf etwas verschlungenen Umwegen. Für die Illustrierung
dieses Textes marschiere ich mit der erbarmungslosen
Fotografin ins AKH und mime dort – mit Erlaubnis,
versteht sich – einen Hochstapler. Schon beim
Anziehen des Mantels wird mir ganz heiß. Stehen da doch
jede Menge Patienten herum, die nun ganz plötzlich etwas
von mir wollen könnten. Was sag ich denen? Dass ich nur
ein Hochstapler bin, aber kein echter natürlich, also im
Grunde als Hochstapler ein Hochstapler und äh, so gesehen
dann doch einer ... Da nützt nur noch die Orientierung
an den Fluchtwegschildern!