03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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Vom Krampf bis zu Arrhythmie und Epilepsie
Umschiffen Sie Hypokalzämie-Notfälle

BIRMINGHAM – Muskelzucken, Taubheitsgefühle und Karpopedal- Spasmen kennt man als klassische Hypokalzämie- Zeichen. Mitunter resultieren jedoch auch gefährliche Herzrhythmusstörungen und Krampfanfälle. Wie bekommen Sie die Elektrolytentgleisung rechtzeitig in den Griff?

Entwickelt sich eine Hypokalzämie allmählich, können Patienten trotz stark erniedrigter Werte lange symptomfrei sein. Rasselt das Elektrolyt jedoch zum Beispiel nach einer Nebenschilddrüsen-Operation schnell in den Keller, treten rasch neuromuskuläre Störungen auf.

Als typische klinische Tests bei entsprechendem Verdacht kennen Sie das Chvostek- und das Trousseau- Zeichen (s. Abb.), wobei Letzteres höhere Spezifität besitzt: 94 % aller hypokalzämischen Patienten weisen das Trousseau-Zeichen auf – aber nur 1 % der Normokalzämiker, wie Kollegen der Universität Birmingham im „British Medical Journal“ berichten.

Korrektur nach Albuminwert
Da das Serumkalzium zum Teil an Albumin gebunden vorliegt, muss sein Wert in Bezug zum aktuellen Albuminspiegel gesetzt werden. Für jedes Gramm pro Liter, um das der Albuminwert von 40 g/l abweicht, muss das gemessene Kalzium um 0,02 mmol/l korrigiert werden. Beispiel: Beträgt der Albumin-Spiegel eines Patienten 35 g/l, muss ein Kalziumwert von 2,05 auf 2,15 mmol/l „berichtigt“ werden.

Besteht keine akute Symptomatik, darf durch Labordiagnostik wie etwa die Bestimmung von Parathormon, alkalischer Phosphatase (z.B. erhöht bei Metastasen) oder 25-OH-Vitamin D erst einmal Ursachenforschung betrieben werden.

Zeigt der Patient aber bereits neuromuskuläre Übererregbarkeit, heißen die Maßnahmen: Klinikeinweisung und intravenöse Kalziumtherapie. Bei einem korrigierten Serumkalziumspiegel unter 1,9 mmol/l sollten auch asymptomatische Patienten angesichts drohender ernster Komplikationen eine Notfalltherapie erhalten und evtl. eingewiesen werden.

Digoxin-Patienten besonders gefährdet
Da Kalziumchlorid gern zu lokalen Irritationen führt, bevorzugt man zur intravenösen Substitution Kalziumglukonat. Zwei 10-ml-Ampullen Kalziumglukonat 10 % in 50 bis 100 ml Dextrose 5 % werden langsam über zehn Minuten infundiert. Diese Therapie kann mehrfach wiederholt werden, bis sich die Symptome gelegt haben, heißt es weiter. Die Autoren empfehlen, dabei ein EKG mitlaufen zu lassen, da es bei zu schneller Elektrolytkorrektur zu Arrhythmien kommen kann. Zu besonderer Vorsicht mahnen sie bei Patienten, die Digoxin einnehmen, da diese besonders empfindlich auf Änderungen der Serumkalzium- Konzentration reagieren. Liegt ein niedriger Magnesiumspiegel vor, bringt die pure Kalziumkorrektur wenig, merken die Kollegen an. Hier sollten Sie erst das Magnesiumdefizit ausgleichen. CG

Mark S. Cooper, Neil J. Gittoes, BMJ 2008; 336: 1298 – 1302

Ursachen der Hypokalzämie

Am häufigsten steckt hinter der Hypokalzämie ein Vitamin-DMangel, z.B. als Folge geringer UV-Licht-Exposition oder von Fehlernährung bzw. Malabsorption. Aber auch Störungen im Haushalt des Parathormons, das gemeinsam mit dem Vitamin den Kalziumspiegel (normal 2,1 bis 2,6 mmol/l) reguliert, kommen in Frage. Hier ging gewöhnlich eine Operation an Schilddrüse oder Nebenschilddrüse voraus. Seltenere Ursachen sind: Vitamin-D-Resistenz, Parathormon-Resistenz, Hypomagnesiämie, konsumierende Knochenmetastasen.

Vitamin D oder Alfacalcidol?

Bei leichter Hypokalzämie behandelt man je nach Ursache. Bei mäßigem Vitamin-D-Mangel erhält der Patienten zweimal 400 IU täglich per os. Ein stärker ausgeprägtes, symptomatisches Vitamindefizit fordert dagegen eine Wochendosis von 50.000 IU für acht Wochen oder 300.000 IU i.m. alle drei Monate. Bei Hypoparathyreoidismus hilft die übliche Vitamin-D-Substitution nicht, da die Konversion zu 1,25- Di-OH-Cholecalciferol gestört ist. Hier wird Calcitriol oder Alfacalcidol rezeptiert.
© MMA, Medical Tribune • 40. Jahrgang • Nr. 40/2008
Foto: Archiv
Chvostek-Zeichen: Beklopfen des N. facialis vor dem Ohrläppchen ruft neuromuskuläre Übererregbarkeitssymptome hervor – vom Mundwinkelzucken bis zum Spasmus aller Gesichtsnerven (hier nachgestellt!).
Foto: Archiv
Trousseau-Zeichen: Milde Hypoxie, erzeugt durch die Blutdruckmanchette, provoziert karpale Spasmen.