03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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Gesundheitsgefahr durch Mobilfunkstrahlung: Scheuklappen gegen das Risikopotenzial

SALZBURG/WIEN – Die Studienlage zur Gesundheitsbeeinträchtigung durch Mobilfunk hat in den letzten Jahren ein Maß angenommen, das ein Ausbleiben von Maßnahmen als vollkommen ungerechtfertigt erscheinen lässt. Fehlende gesetzliche Grenzwerte und eine steigerbare Aktivität des Gesundheitsministeriums sind Symptome dafür, dass in Österreich seit Jahren am Risikopotenzial hochfrequenter Strahlung von Mobilfunkantennen und Handys vorbeigeschielt wird. MT erörterte die Situation mit dem Salzburger Umweltreferenten der ÖÄK, Dr. Gerd Oberfeld.

MT: Wie kann man Mobilfunk als potenziellen Gesundheitsschädiger mit Risiken wie Alkohol, Diabetes, COPD etc. vergleichen?

Dr. Oberfeld: Mobilfunk holt jedes Jahr deutlich auf, weil die Gruppe der auf Dauer Belasteten immer größer wird. Mit jeder neuen Sendeanlage werden Anwohner im Bereich von zum Teil mehreren 100 Metern massiv befeldet – diese Einwirkungen machen sich aber erst nach vielen Jahren deutlichst bemerkbar. Die Volksgesundheit wird nicht von heute auf morgen schlechter, sondern über Jahre und Jahrzehnte. Durch Mobilfunkanlagen mit immer neuen Techniken wie GSM, UMTS etc., aber auch durch Indoor-Stationen, kommt es zum Teil zu dramatischen Krankengeschichten – die sich bei reversiblen Symptomen rückbilden können, wenn der Faktor der Beeinträchtigung wegfällt.

MT: Die „Salzburger Resolution zu Mobilfunksendeanlagen“ aus dem Jahr 2000 hat Empfehlungen zu Gesundheitsschutz etc. an Industrie und Politik gegeben – was wurde davon seither umgesetzt?

Dr. Oberfeld: Eigentlich fast nichts. Aber es ist mein Ansinnen, dass das, was von sehr vielen Menschen an Beschwerden geschildert wird, sauber und „state of the art“-entsprechend untersucht wird. Ich beziehe mich dabei nicht nur auf die Handynutzer, sondern auf die Anwohner von Anlagen.

MT: Wie reagieren die Mobilfunkbetreiber auf den wachsenden Informationsstand zu möglichen Gesundheitsrisiken? Dr. Oberfeld: Von den Netzbetreibern alle relevanten Daten zu bekommen, ist sehr schwierig geworden. Ich glaube, es ist eine allgemeine Strategie der Netzbetreiber, gewisse Daten, die man vor wenigen Jahren ohne „wenn und aber“ bekommen hat, einfach nicht weiterzugeben. Dazu zählen die Antennentype und der „down tilt“ (mechanische und elektrische Abwärtsneigung, Anm.) – wenn ich diese Daten nicht kenne, ist es schwierig, die Immissionsberechnungen durchzuführen.

MT: Wie relevant ist die Strahlungsbelastung beim Handy?

Dr. Oberfeld: Es kommt dabei auf die Dosis an, die sich aus der Höhe der Exposition und aus der Zeit zusammensetzt. Beim Handy geht es um eine kurze Zeit von Minuten bis zu Stunden, je nach Nutzertyp. Die Exposition hängt wiederum davon ab, wo ich telefoniere, ob im Keller oder im Freien, da jede Mauer das Signal ein wenig dämpft. Sie haben also beim Mobiltelefon relativ große Variabilitäten. Das andere ist, dass Sie in der Nähe von Sendeanlagen doch über lange Zeit exponiert sind, z.B. 12 oder 24 Stunden und das über viele Jahre. Im Nahbereich von Sendeanlagen kommt man auf Dosen, wie man sie bei summierten Handytelefonaten auch hat. Man kann diese Dauereinwirkungen sehr gut mit Lärm vergleichen. Das Problem beginnt dann, wenn man einem Dauerreiz ausgesetzt ist und dieser nicht aufhört. Der Organismus braucht seine Ruhe, und es reichen z.B. schon relativ geringe Strahlenpegel aus, um Anwohner in ihrem Schlaf merklich zu stören.

MT: Sie sprechen direkte Auswirkungen in Wohngebieten in der Nähe von Sendemasten an: Sind das wissenschaftlich 100%ig verlässliche Erhebungen, sodass wir heute nicht mehr darüber zu diskutieren brauchen, ob es eine Gesundheitsgefährdung gibt, sondern nur mehr, wie man dem vorbeugen kann?

Dr. Oberfeld: Auf Basis aller Daten, die vorhanden sind, kann man sagen: Ja. Statt einer allgemeinen wissenschaftlichen Diskussion gibt es in dieser Szene aber eigentlich nur Reflexe. Als die Naila-Studie (von Eger et al., Anm.) publiziert wurde, war einer der Reflexe des Bundesamtes für Strahlenschutz: Statt zu diskutieren, welche Schlüsse man daraus ziehen kann, und anstatt die Hinweise ernst zu nehmen, wurde nur gesagt: Das ist eine ökologische Studie, daraus kann man eh keine Schlüsse ziehen und eigentlich hätten wir uns das sparen können ...

MT: Es scheint gesichert, dass sich in manchen Gegenden die Krebsrate verdoppelt hat? Dr. Oberfeld: Die Naila-Studie ist deswegen relativ robust, weil nicht nur ein Zeitraum erfasst wurde: In den ersten fünf Jahren blieben die Ergebnisse bezüglich der Krebsrate gleich. Aber in den zweiten fünf Jahren hat man die Veränderungen gemerkt: Die Krebsrate ist aufs Dreifache gestiegen. Das deckt sich auch mit Daten aus England, wo ältere Masten untersucht wurden, die schon seit sieben, acht Jahren in Betrieb waren. Auch dort findet man dieses Muster, und es ist auch auf die Handynutzungen anwendbar, obwohl es vielleicht nicht direkt vergleichbar ist – aber auch da findet man in den ersten Jahren nichts Auffälliges, sondern es gibt, wie bei den meisten Krebserkrankungen, einige Jahre Latenzzeit. MT: Sind die Grenzwerte in Österreich ausreichend geregelt?

Dr. Oberfeld: Die Regelung erfolgt hier über das Telekommunikationsgesetz, das quasi vom BMVIT betreut wird. Dort findet sich auch eine Verordnungsermächtigung, von der der Bundesminister bisher nicht Gebrauch gemacht hat. Es gibt lediglich eine Meinung des Ministeriums, dass die ICNIRPWerte (Internationale Kommission zum Schutz vor nichtionisierender Strahlung, 2 – 10 W/m2 = Leistungsflussdichte, Anm.) einzuhalten sind, und das wird auch von der Funküberwachung so angewandt. MT: Diese 2 bis 10 W/m2 sind somit auch die für Österreich aktuellen Grenzwerte?

Dr. Oberfeld: Da gibt es sogar einen Rechtsstreit darüber, ob das jetzt Grenzwerte im Sinne gesetzlicher Grenzwerte sind. Meine Meinung ist: Nein, weil für einen Grenzwert müsste es in einer Verordnung oder in einem Bundesgesetz verankert sein. Es existiert aber nur eine Meinung des Ministeriums. Es sind jedenfalls Richtwerte, die vom Ministerium gehandhabt werden.

MT: Ist die niedergelassene Ärzteschaft die richtige Berufsgruppe, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen? Sollte man verstärkt mit dem Gesundheitsministerium kooperieren?

Dr. Oberfeld: Viele Schriftstücke des BMVIT der letzten Jahre zeigen, dass dort keine Bereitschaft besteht, auch nur einen Millimeter in Richtung Vorsorge zu gehen. Das Gesundheitsministerium hat sich in der Frage Mobilfunk eigentlich bisher kaum zu Wort gemeldet – ich kann hier nur spekulieren, dass dort vermutlich zu wenig ärztliche Personalressourcen bestehen, um sich in Fachfragen auch selber vertiefen zu können.

MT: Welche Reaktionen von Politik und Gesundheitspolitik erwarten Sie, was soll jetzt passieren?

Dr. Oberfeld: Das ist eine ganz zentrale Frage. Ich glaube, dass die Gesundheitspolitik in Österreich in dieser speziellen Frage jetzt und noch mehr in Zukunft gefordert ist. Wir benötigen eine ernsthafte, an Public Health-Kriterien orientierte Beurteilung und Grenzwertregelungen, die auch bei einer Dauereinwirkung über viele Jahre das gesundheitliche Risiko umfassend reduzieren.

MT: Wie können Sie das Thema auf eine solidere Informationsbasis bringen?

Dr. Oberfeld: Man müsste auf Ebene des Gesundheitsministeriums ein Gremium schaffen, um Vorschläge für künftige Grenzwertregelungen auszuarbeiten, die wir dringend brauchen. Und zwar nicht nur für den Mobilfunk, sondern auch für magnetische Wechselfelder wie z.B. Hochspannungsleitungen, aber auch Hausinstallationen etc., wie es in der Schweiz bereits geregelt ist, um dem Ansatz des vorbeugenden Gesundheitsschemas auch im Bereich der elektromagnetischen Felder Rechnung zu tragen. Dazu braucht es eine Offensive zur Ausbildung auch speziell der Ärzteschaft, aber ebenso verschiedener anderer Berufe und im Schulwesen. Zusätzlich zu der laufenden Fortbildung bietet etwa die ÖÄK das Spezialdiplom Umweltmedizin, den Kurs „Baubiologische Messtechnik für Mediziner“ oder am 19.11.2005 die Jahresfortbildungstagung „Das Handy und sein Mast“ im NÖ Landtagsaal an. Aber am wichtigsten erscheint mir, dass die Politik erkennt, dass elektromagnetische Felder in derselben Liga oder sogar noch eine Stufe höher anzusiedeln sind als Lärm und Luftschadstoffe.

MT: Vielen Dank für das Gespräch!

© MMA, Medical Tribune 35/36 2005
Ist Handystrahlung gefährlich?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über Gesundheitsrisiken durch Vieltelefonieren oder durch Handymastenstrahlung sollten eine sinnvolle Diskussion ermöglichen.