03. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten:
„Vergessen Sie den Allergiegedanken!“

WIEN – Der Patient klagt über Beschwerden unmittelbar nach dem Essen: Niesreiz, Quaddeln auf der Haut, Blähungen, manchmal auch Durchfall. Das wird wohl eine Nahrungsmittelallergie sein, liefert er seine Verdachtsdiagnose gleich mit. Wenn es nur so einfach wäre ...

„Auch wenn es Sie überrascht, bei den Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten sollten Sie den Allergiegedanken eher vergessen“, so der erste Rat von Univ.-Prof. Dr. Reinhard Jarisch vom Allergiezentrum Floridsdorf, Wien. Die „echte“ Nahrungsmittelallergie ist eigentlich eine Kinderkrankheit (mit Ausnahme der Fisch- und Erdnuss-Allergie, welche ein Leben lang bleiben), die spätestens im Vorschulalter auf Grund der Reifung des Immunsystems spontan verschwindet. Dass die Erkrankung dabei meist nur die „Etage“ wechselt und als Asthma wiederkehrt, steht auf einem anderen Blatt. Obwohl die primäre Form bei Jugendlichen und Erwachsenen die seltenste Form der Nahrungsmittel-Unverträglichkeit ist, hat sie trotzdem und parallel zu den Atemwegsallergien in den letzten Jahren stark zugenommen. In der Praxis kann man davon ausgehen, dass von den 20 % der Österreicher, die an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten leiden, maximal 10 % eine echte Nahrungsmittel-Allergie haben, 40 % mit meist inhalativen Allergenen kreuzreagieren und bei 50 % vorwiegend Fruktose-, Laktose- oder Histamin-Intoleranz schuld an den Beschwerden sind. Noch ein Vergleich: Vor 15 Jahren litten rund 15 % der Heuschnupfen-Geplagten auch an einer Nahrungsmittel- Allergie – heute sind es knapp 60 %!

Heuschnupfen im April? Birkenpollen sind schuld!
Die Ursachen von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten aufzuspüren, erfordert meist detektivische Kleinarbeit: „Auch mit viel Erfahrung erlebe ich noch immer Überraschungen, wenn Tests dann den Übeltäter enthüllen.“ Noch vor jedem Test kann bereits das anamnestische Gespräch den entscheidenden Hinweis liefern: „Bei Heuschnupfen im April oder der Unverträglichkeit von Äpfeln müssen die Alarmglocken läuten, denn das ist wahrscheinlich eine Birkenpollen-Allergie.“ Wobei Birkenpollen-Allergiker besonders arm dran sind, da das Hauptallergen von Birkenpollen nicht nur für viele Kreuzreaktionen mit anderen Baumpollen, sondern auch mit Nahrungsmitteln verantwortlich ist.

Ficus, Kiwi & Bananen
Der Experte bleibt praxisbezogen: „Steht in Ihrer Ordination ein Ficus? Der hat einen Latex, der sich mit Hausstaub verbindet, und dann bei entsprechenden Patienten Beschwerden machen kann.“ Es sind jene Patienten, die bestimmtes Obst wie Kiwis und Bananen nicht vertragen! Die größte Gefahr bei einer Nahrungsmittel-Allergie liegt in unvermuteten Allergenquellen, die auch die meisten Todesfälle verursachen. Wer denkt schon daran, dass in Campari und Rotwein Eiklar ist und im Frühstücksei Fischmehl? Obwohl Kreuzallergien meist eine milde Symptomatik zeigen, ist das Risiko eines anaphylaktischen Schocks aber auch hier gegeben. Die Beschwerden beginnen typischerweise nach dem Essen: Juckreiz und Schwellungen im Mundbereich, Niesreiz, Schwindel, Atembeschwerden etc. – kurz die ganze Palette allergischer Verdachtszeichen. Doch Vorsicht: Auch eine Histamin-Intoleranz kann – was die Bandbreite allergischer Symptome betrifft – „alle Stücke spielen“, so Prof. Jarisch. Bis zum Exitus!

Mangel an Diaminoxidase
Histamin ist eine biologisch hochpotente Substanz: Es reguliert unter anderem die Magensaftsekretion, erweitert die Gefäße, wirkt als Wachhormon und Neurotransmitter im Gehirn und wird auch mit einer verbesserten Lernfähigkeit in Zusammenhang gebracht. Und es ist absolut hitze- und kältestabil! Zu einem Histamin-Überschuss kommt es dann, wenn der Körper zu viel davon produziert, wie in einer plötzlichen Stresssituation oder durch histaminreiche Nahrung: Rotwein, Bier, Käse, Nüsse, Fisch, Rohwurst, Tomaten. An einer Fischvergiftung ist meist eine Histamin-Intoleranz schuld! Zu Symptomen kommt es, wenn der Histamin-Abbau durch das Enzym Diaminoxidase (DAO) nicht funktioniert, wenn also zuwenig oder inaktive DAO vorhanden ist. Aber, DAO ist nicht nur für den Abbau von Histamin, sondern auch für den anderer biogener Amine zuständig. Das heißt: „Auch Speisen, die wenig bis kein Histamin, dafür aber viele andere biogene Amine enthalten, können Beschwerden machen bzw. verstärken.“
Geradezu „Leitsymptom“ beim hohen Histaminspiegel ist der Kopfschmerz. Aber auch niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Hitzegefühl, ein flauer Magen können die Folgen sein. Erschwerend auf die Diagnostik wirkt nicht nur die Vielfalt an Symptomen, sondern dass sich diese oft zeitverzögert, also Stunden nach dem Essen, zeigen.

Schwierig ist auch die Testung in der Praxis, da es wohl ein Testkit für DAO gibt, aber für den Histamin-Nachweis das Blut sofort in Eiswasser und in eine Kühlzentrifuge gelangen muss. Bei Histamin entscheidet die Menge über das „Gift“. Die nachhaltigste Therapie ist natürlich eine Diät: Nach kurzer Zeit nimmt die Zahl der Histamin-Rezeptoren ab, die DAO normalisiert sich wieder, und – es werden wieder größere Mengen histaminhaltiger Speisen vertragen. Wer auf seinen Käse und seine Schokolade nicht verzichten will, für den gibt es auch medikamentöse Hilfe. Gerade bei Patienten mit Durchfall haben sich H1-Rezeptorblocker bewährt: „Die wirken so blitzartig, dass man ihre Verschreibung beinahe diagnostisch anwenden könnte“, so der Experte. Quälen andere Symptome und ist die Lust stärker als der Diätwille, so helfen DAO–Kapseln*, die das fehlende Enzym zuführen und so den problemlosen Konsum von Rotwein, Sekt, Käse und Co wieder ermöglichen. Dabei handelt es sich um ein diätisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. „Die Rückmeldung meiner Patienten dazu ist durchwegs positiv“, so Prof. Jarisch. Bei Verdauungsbeschwerden wirken beide Präparate zusammen am besten.

Darmsymptome, Süß-Hunger, Depressionen?
Bei Patienten, die vordergründig über Darmprobleme klagen, muss differenzialdiagnostisch – als ob es nicht schon kompliziert genug wäre – auch an Fruktose- oder Laktose-Intoleranz gedacht werden. Wobei auch hier die Dosis entscheidend ist. Bei der Fruktose-Malabsorption handelt es sich mutmaßlich um einen Defekt des Glukose-5-Transporters im Dünndarm. Bei der Laktose-Intoleranz liegt ein Enzymdefekt mit fehlender Aufspaltung von Laktose in Glukose und Galaktose zu Grunde.

Nach Fruktose-Intoleranz fahnden
Die Beschwerden sind aber dieselben. Wobei die je nach Darm vorhandene Bakterienart die Symp-tome individuell „gestaltet“. Zum Beispiel produzieren nitratreduzierende Bakterien Stickoxid, das wie ein Muskelrelaxans wirkt und Obstipation verursacht. So kommt es, dass Patienten, die eigentlich eine osmotische Diarrhö haben sollten, über Verstopfung klagen! „Fragen Sie den Patienten auch explizit nach Heißhunger auf Süßspeisen und depressiver Verstimmung“, rät Prof. Jarisch. Beides können Anzeiger für Fruktose-Intoleranz sein. Hohe Fruchtzuckerkonzentrationen im Darm hemmen die Resorption von Tryptophan, der Vorstufe des Serotonin. Die Folge ist ein Serotonin-Abfall mit einem Anstieg an depressiver Verstimmung und daraus resultierendem Kohlehydrathunger. Prof. Jarisch schätzt, dass Patienten mit länger andauernden Durchfällen zu je einem Drittel an Histamin-, Fruktose-, oder Laktose-Intoleranz leiden. Wobei es Hinweise gibt, dass eine lange bestehende Kohlehydrat-Intoleranz wiederum ein generelles Biogenes Amin-Syndrom begünstigt: Der Kreis zur Histamin-Intoleranz schließt sich.

Nahrungsmittel-Unverträglichkeit?

  • Nahrungsmittelallergie
  • mit Pollen kreuzreagierende Nahrungsmittel
  • Fruktose-Malabsorption
  • Histamin-Intoleranz
  • Laktose-Intoleranz
  • Zöliakie

*PelLind®
1. Fortbildungskurs 2006 der Arbeitsgruppe für Funktionsdiagnostik und Psychosomatik der ÖGGH und der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik

© MMA, Medical Tribune 13/2006, SCH
Foto: Bilderbox
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Univ.-Prof. Dr. Reinhard Jarisch
Univ.-Prof. Dr. Reinhard Jarisch
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Explizit Jarisch