| WIEN – Der Patient klagt über Beschwerden unmittelbar nach dem Essen:
Niesreiz, Quaddeln auf der Haut, Blähungen, manchmal auch Durchfall. Das
wird wohl eine Nahrungsmittelallergie sein, liefert er seine Verdachtsdiagnose
gleich mit. Wenn es nur so einfach wäre ... „Auch wenn es Sie überrascht,
bei den Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten sollten Sie den Allergiegedanken
eher vergessen“, so der erste Rat von Univ.-Prof. Dr. Reinhard Jarisch
vom Allergiezentrum Floridsdorf, Wien. Die „echte“ Nahrungsmittelallergie
ist eigentlich eine Kinderkrankheit (mit Ausnahme der Fisch- und Erdnuss-Allergie,
welche ein Leben lang bleiben), die spätestens im Vorschulalter auf Grund
der Reifung des Immunsystems spontan verschwindet. Dass die Erkrankung
dabei meist nur die „Etage“ wechselt und als Asthma wiederkehrt, steht
auf einem anderen Blatt. Obwohl die primäre Form bei Jugendlichen und
Erwachsenen die seltenste Form der Nahrungsmittel-Unverträglichkeit ist,
hat sie trotzdem und parallel zu den Atemwegsallergien in den letzten
Jahren stark zugenommen. In der Praxis kann man davon ausgehen, dass von
den 20 % der Österreicher, die an Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten leiden,
maximal 10 % eine echte Nahrungsmittel-Allergie haben, 40 % mit meist
inhalativen Allergenen kreuzreagieren und bei 50 % vorwiegend Fruktose-,
Laktose- oder Histamin-Intoleranz schuld an den Beschwerden sind. Noch
ein Vergleich: Vor 15 Jahren litten rund 15 % der Heuschnupfen-Geplagten
auch an einer Nahrungsmittel- Allergie – heute sind es knapp 60 %!
Heuschnupfen im April? Birkenpollen sind schuld!
Die Ursachen von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten aufzuspüren, erfordert
meist detektivische Kleinarbeit: „Auch mit viel Erfahrung erlebe ich noch
immer Überraschungen, wenn Tests dann den Übeltäter enthüllen.“ Noch vor
jedem Test kann bereits das anamnestische Gespräch den entscheidenden
Hinweis liefern: „Bei Heuschnupfen im April oder der Unverträglichkeit
von Äpfeln müssen die Alarmglocken läuten, denn das ist wahrscheinlich
eine Birkenpollen-Allergie.“ Wobei Birkenpollen-Allergiker besonders arm
dran sind, da das Hauptallergen von Birkenpollen nicht nur für viele Kreuzreaktionen
mit anderen Baumpollen, sondern auch mit Nahrungsmitteln verantwortlich
ist.
Ficus, Kiwi & Bananen
Der Experte bleibt praxisbezogen: „Steht in Ihrer Ordination ein Ficus?
Der hat einen Latex, der sich mit Hausstaub verbindet, und dann bei entsprechenden
Patienten Beschwerden machen kann.“ Es sind jene Patienten, die bestimmtes
Obst wie Kiwis und Bananen nicht vertragen! Die größte Gefahr bei einer
Nahrungsmittel-Allergie liegt in unvermuteten Allergenquellen, die auch
die meisten Todesfälle verursachen. Wer denkt schon daran, dass in Campari
und Rotwein Eiklar ist und im Frühstücksei Fischmehl? Obwohl Kreuzallergien
meist eine milde Symptomatik zeigen, ist das Risiko eines anaphylaktischen
Schocks aber auch hier gegeben. Die Beschwerden beginnen typischerweise
nach dem Essen: Juckreiz und Schwellungen im Mundbereich, Niesreiz, Schwindel,
Atembeschwerden etc. – kurz die ganze Palette allergischer Verdachtszeichen.
Doch Vorsicht: Auch eine Histamin-Intoleranz kann – was die Bandbreite
allergischer Symptome betrifft – „alle Stücke spielen“, so Prof. Jarisch.
Bis zum Exitus!
Mangel an Diaminoxidase
Histamin ist eine biologisch hochpotente Substanz: Es reguliert unter
anderem die Magensaftsekretion, erweitert die Gefäße, wirkt als Wachhormon
und Neurotransmitter im Gehirn und wird auch mit einer verbesserten Lernfähigkeit
in Zusammenhang gebracht. Und es ist absolut hitze- und kältestabil! Zu
einem Histamin-Überschuss kommt es dann, wenn der Körper zu viel davon
produziert, wie in einer plötzlichen Stresssituation oder durch histaminreiche
Nahrung: Rotwein, Bier, Käse, Nüsse, Fisch, Rohwurst, Tomaten. An einer
Fischvergiftung ist meist eine Histamin-Intoleranz schuld! Zu Symptomen
kommt es, wenn der Histamin-Abbau durch das Enzym Diaminoxidase (DAO)
nicht funktioniert, wenn also zuwenig oder inaktive DAO vorhanden ist.
Aber, DAO ist nicht nur für den Abbau von Histamin, sondern auch für den
anderer biogener Amine zuständig. Das heißt: „Auch Speisen, die wenig
bis kein Histamin, dafür aber viele andere biogene Amine enthalten, können
Beschwerden machen bzw. verstärken.“
Geradezu „Leitsymptom“ beim hohen Histaminspiegel ist der Kopfschmerz.
Aber auch niedriger Blutdruck, Herzrhythmusstörungen, Hitzegefühl, ein
flauer Magen können die Folgen sein. Erschwerend auf die Diagnostik wirkt
nicht nur die Vielfalt an Symptomen, sondern dass sich diese oft zeitverzögert,
also Stunden nach dem Essen, zeigen.
Schwierig ist auch die Testung in der Praxis, da es wohl ein Testkit
für DAO gibt, aber für den Histamin-Nachweis das Blut sofort in Eiswasser
und in eine Kühlzentrifuge gelangen muss. Bei Histamin entscheidet die
Menge über das „Gift“. Die nachhaltigste Therapie ist natürlich eine Diät:
Nach kurzer Zeit nimmt die Zahl der Histamin-Rezeptoren ab, die DAO normalisiert
sich wieder, und – es werden wieder größere Mengen histaminhaltiger Speisen
vertragen. Wer auf seinen Käse und seine Schokolade nicht verzichten will,
für den gibt es auch medikamentöse Hilfe. Gerade bei Patienten mit Durchfall
haben sich H1-Rezeptorblocker bewährt: „Die wirken so blitzartig, dass
man ihre Verschreibung beinahe diagnostisch anwenden könnte“, so der Experte.
Quälen andere Symptome und ist die Lust stärker als der Diätwille, so
helfen DAO–Kapseln*, die das fehlende Enzym zuführen und so den problemlosen
Konsum von Rotwein, Sekt, Käse und Co wieder ermöglichen. Dabei handelt
es sich um ein diätisches Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke
bei Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten. „Die Rückmeldung meiner Patienten
dazu ist durchwegs positiv“, so Prof. Jarisch. Bei Verdauungsbeschwerden
wirken beide Präparate zusammen am besten.
Darmsymptome, Süß-Hunger, Depressionen?
Bei Patienten, die vordergründig über Darmprobleme klagen, muss differenzialdiagnostisch
– als ob es nicht schon kompliziert genug wäre – auch an Fruktose- oder
Laktose-Intoleranz gedacht werden. Wobei auch hier die Dosis entscheidend
ist. Bei der Fruktose-Malabsorption handelt es sich mutmaßlich um einen
Defekt des Glukose-5-Transporters im Dünndarm. Bei der Laktose-Intoleranz
liegt ein Enzymdefekt mit fehlender Aufspaltung von Laktose in Glukose
und Galaktose zu Grunde.
Nach Fruktose-Intoleranz fahnden
Die Beschwerden sind aber dieselben. Wobei die je nach Darm vorhandene
Bakterienart die Symp-tome individuell „gestaltet“. Zum Beispiel produzieren
nitratreduzierende Bakterien Stickoxid, das wie ein Muskelrelaxans wirkt
und Obstipation verursacht. So kommt es, dass Patienten, die eigentlich
eine osmotische Diarrhö haben sollten, über Verstopfung klagen! „Fragen
Sie den Patienten auch explizit nach Heißhunger auf Süßspeisen und depressiver
Verstimmung“, rät Prof. Jarisch. Beides können Anzeiger für Fruktose-Intoleranz
sein. Hohe Fruchtzuckerkonzentrationen im Darm hemmen die Resorption von
Tryptophan, der Vorstufe des Serotonin. Die Folge ist ein Serotonin-Abfall
mit einem Anstieg an depressiver Verstimmung und daraus resultierendem
Kohlehydrathunger. Prof. Jarisch schätzt, dass Patienten mit länger andauernden
Durchfällen zu je einem Drittel an Histamin-, Fruktose-, oder Laktose-Intoleranz
leiden. Wobei es Hinweise gibt, dass eine lange bestehende Kohlehydrat-Intoleranz
wiederum ein generelles Biogenes Amin-Syndrom begünstigt: Der Kreis zur
Histamin-Intoleranz schließt sich.
Nahrungsmittel-Unverträglichkeit?
- Nahrungsmittelallergie
- mit Pollen kreuzreagierende Nahrungsmittel
- Fruktose-Malabsorption
- Histamin-Intoleranz
- Laktose-Intoleranz
- Zöliakie
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*PelLind®
1. Fortbildungskurs 2006 der Arbeitsgruppe für Funktionsdiagnostik und
Psychosomatik der ÖGGH und der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik
© MMA, Medical Tribune 13/2006, SCH |