04. September 2010
Medical Tribune Medizin Medien Austria
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Biofeedback: Was man alles kontrollieren kann

WIEN – Nichtmedikamentöse Methoden nehmen einen immer wichtigeren Platz in der Schmerztherapie ein. Eine davon ist Biofeedback. Gesicherte Daten gibt es unter anderem zur Therapie von Migräne und Spannungskopfschmerz.

„Patienten mit chronischen Kopfschmerzen sollten im Rahmen einer spezifischen Facheinrichtung, wie einer Schmerzambulanz oder Schmerzklinik, prinzipiell neben der medizinischen auch einer klinisch- neuropsychologischen Abklärung zugeführt werden, da chronische Schmerzen in vielen Fällen ein besonderes verhaltenspsychologisches Problem darstellen“, sagt Univ.-Prof. Dr. Joachim Maly von der Klinischen Abteilung für Klinische Neurologie am Wiener AKH. Dabei geht es nicht nur um die Abklärung, sondern häufig auch um die Einleitung nichtmedikamentöser, im weitesten Sinne der Verhaltenspsychologie zurechenbarer therapeutischer Verfahren.

Eine besondere Rolle kommt in diesem Zusammenhang dem Biofeedback zu. Die Methode beruht darauf, dem Patienten bestimmte unwillkürliche Abläufe oder Verhaltensmuster sichtbar zu machen und ihm so die Möglichkeit zu geben, bewusste Kontrolle über unbewusste, (patho)physiologische Prozesse zu erlangen. Wo die Grenzen dieser Methode liegen, ist bei weitem noch nicht ausgelotet. In kleinen Studien ist es sogar Epileptikern gelungen, Strategien zur Kupierung eines sich ankündigenden Anfalls zu erlernen. Im Fall des Kopfschmerzes kann sowohl bei Migräne als auch beim Spannungskopfschmerz eine Behandlung mittels Biofeedback versucht werden.

Dazu Dr. Engelbert Deutsch von der Abteilung für Allgemeine Anästhesie und Intensivmedizin der Medizinischen Universität Wien: „Viele Patienten kennen einen vorwiegend im Schläfenbereich pulsierend-pochenden Kopfschmerz, der oft mit Übelkeit und anschließendem Erbrechen einhergeht. Dieser pulsierende Schmerz an der Schläfenarterie stellt für die Patienten ein ausgeprägtes aversives Körperempfinden dar, welches ihnen die Beteiligung der Blutgefäße am Migräneanfall deutlich macht. Solche Patienten sind prädestiniert für ein Vasokonstriktionstraining (VKT), welches auf eine aktive und selbstregulierende Kupierung des Anfalls hinzielt.“

Training in vier Abschnitten
Das Training verläuft in vier Abschnitten. Es beginnt mit einer Phase der Selbstbeobachtung, in der Patient lernt, den Ablauf seiner Mig-räneattacke zu beschreiben. In der zweiten Phase wird das Erlernen einer systematischen Körperwahrnehmung geübt. Dabei soll auch ein inneres Gefühl für den Rhythmus des Pulsschlages entwickelt werden. Nun soll der Patient lernen, seinen Gefäßtonus willkürlich zu kontrollieren. Dazu wird an der Schläfenarterie eine Elektrode angebracht, die über Infrarotpulsplethysmographie den Zustand der Gefäße anzeigt. Der Patient soll versuchen, seine Gefäße willkürlich zu verengen, und erhält Rückmeldung in Form eines Kreises, der möglichst klein gemacht werden soll. Das weitere Gefäßtraining erfolgt in zehn Sitzungen von jeweils etwa einer Stunde.

Dr. Deutsch: „Die Ergebnisse des VKT sind ermutigend. Etwa 66 Prozent der mit VKT behandelten Migränepatienten erlernen das Gefäßtraining im Laufe von sechs bis zehn Sitzungen und vermögen es erfolgreich zur Anfallskupierung einzusetzen. Eine weitere Option bietet das Temperaturbiofeedback zur Behandlung von Migräne. Beim Handerwärmungstraining (HET) lernt der Patient, gezielt eine Steigerung seiner Fingertemperatur und damit seiner peripheren Durchblutung zu bewirken.

Entspannungstechniken
Das HET ist sehr einfach durchzuführen und stellt zugleich ein gutes Training der generellen Entspannungsfähigkeit dar. Dr. Deutsch: „Temperaturbiofeedback und Vasokonstriktion gelten heute als sehr effektive psychologische Verfahren zur Behandlung der Migräne und werden häufig in Kombination mit anderen Entspannungsverfahren wie Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation eingesetzt. Die generelle Effektivität beider Methoden ist in etwa vergleichbar. Das VKT besitzt seine besondere Wirksamkeit bei der direkten Anfallskupierung, das HET wird besonders zur Intervallprophylaxe eingesetzt.“

Spannungszustände der Muskeln
Noch besser etabliert ist Biofeedback in der Behandlung des Spannungskopfschmerzes. Bei dieser häufigen Kopfschmerzform entsteht der Schmerz durch eine abnorme Dauerkontraktion verschiedener Muskelgruppen, insbesondere des M. trapezius. Eines der großen Probleme beim Spannungskopfschmerz liegt darin, dass die vermehrte Muskelspannung über lange Zeit unbemerkt bleiben kann und sich erst spät als Schmerz bemerkbar macht. Wenn Symptome auftreten, ist es meist schon zu einer Chronifizierung der muskulären Verspannung gekommen. Häufig findet sich bei diesen Patienten eine verminderte Wahrnehmungsfähigkeit eigener Empfindungen und Gefühle. Die Behandlung von Patienten mit chronischen Kopf- oder Rückenschmerzen erfolgt an einem mehrkanaligen Biofeedbacksystem mit bis zu vier EMG-Ableitungen, die den Spannungszustand der Stirn-, Gesichts-, Nacken-, Schulter- und Rückenmuskulatur erfassen. Dazu kommt eine Erfassung der Atmung über eine bewegungssensible Infrarotregistrierung sowie bei Bedarf die Messung der Haut-Oberflächentemperatur und der elektrischen Leitfähigkeit.

Prof. Maly: „Generell liegt dem EMG-Biofeedback, oft kombiniert mit dem Atemfeedback, die gesicherte Beobachtung zu Grunde, dass es gegen muskuläre Spannungszustände wirkt, wie sie im Zusammenhang mit chronifizierten Schmerzen auftreten. Die Möglichkeit zur Entspannung ist eine lebenswichtige Voraussetzung für jede gerichtete Aktivität. Ziel der Biofeedbacktherapie ist es, Entspannung zu erlernen, falls die natürliche Fähigkeit dazu verlernt wurde oder im Zuge besonderer Lebensumstände oder einer Krankheit verloren ging. In etwa 70 % der Fälle von Patienten mit chronischen Schmerzen wird nicht nur eine signifikante Abnahme der Frequenz und Intensität der Beschwerden, sondern auch ein deutlicher Rückgang der Einnahme von schmerzstillenden und spannungslösenden Medikamenten beobachtet.“

Wer profitiert vom Biofeedback?

  • Patienten, die nichtmedikamentöse Behandlungen bevorzugen
  • Patienten mit schlechter Verträglichkeit medikamentöser Behandlungen
  • Patienten mit Kontraindikationen für eine medikamentöse Behandlung
  • Patienten mit ungenügendem oder fehlendem Ansprechen auf eine medikamentöse Behandlung
  • Patientinnen mit geplanter oder bestehender Schwangerschaft
  • Patienten mit einem lang anhaltenden und/oder exzessiven Medikamentenmissbrauch

 

© MMA, Medical Tribune 38/2006, REB
Mehr Info über Biofeedback in Österreich finden Sie auf der Website der Österreichischen Gesellschaft für Biofeedback und Psychophysiologie unter www.austria-biofeedback.at
Foto: M. Fuhs
Atem- und Entspannungstraining mit Biofeedback: Auf den Fingern werden Hautwiderstand,
Durchblutung, Herzratenvariabilität und Temperatur gemessen. Weiters werden die Muskelentspannung des Frontalis-Muskels und die Atmung (Bauchgurt) mit einbezogen.
Der Ballon zeigt an, wie der Klient atmet, und hilft ihm, die Atmung zu beobachten
und gezielt bewusst zu verändern und zu steuern, um Entspannung zu erreichen. Die blaue Linie unterhalb des Ballons zeigt dasselbe in linearer Form. Der Balken rechts im Bildschirm gibt einen auf den Klienten individuell angepassten Atemrhythmus vor, z.B. doppelt so lange ausatmen wie einatmen mit zirka sechs bis sieben Atemzügen pro Minute – dies ist eine Art Hilfe zum Erlernen einer besseren Atemtechnik.