Der Festsaal der Wiener Ärztekammer war zum Bersten voll, was zeigte, wie vielen Kollegen das Thema „Spiritualität – ein Teil des ärztlichen Handelns!?“ ein Anliegen ist. Zur Podiumsdiskussion hatte die „Interreligiöse Ärzteplattform“ namhafte Experten geladen, deren unterschiedlicher Zugang zu diesem Thema auch dessen Komplexizität spiegelte. Von hochakademisch bis zutiefst mit der Praxis verbunden, reichte die Qualität der einzelnen Referate, die aber – so man sich nicht im Dickicht von Definitionen verlor – durchaus gemeinsame Nenner hatten. Vorweg das Fazit der Runde: Spiritualität sollte ein Teil der ärztlichen Kompetenz sein, aber nicht mit seelsorgerischer Betreuung vermengt werden. Lässt sich beides so eindeutig trennen?
Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien, so Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger zur Eröffnung, die belegen, dass Glaube und Spiritualität ganz wesentlich den Verlauf maligner Krankheiten günstig beeinflussen. Und auch zeigen, wie viele Patienten in Krankenhäusern nach einer spirituellen Begleitung verlangen – als wirksame Hilfe zur Bewältigung schwerer Krankheit und nahendem Tode. „Was ist das für eine Gesellschaft“, resümiert der ärztliche Leiter des Hauses der Barmherzigkeit, „wo Endlichkeit und Tod permanent verdrängt und Gesundheit und Jugendlichkeit zum höchsten Gut stilisiert werden?“ „Vor Jahrhunderten wurden Kathedralen gebaut, vor hundert Jahren Banken. Heute werden Spitäler gebaut. Sind Ärzte die Priester der Gegenwart?“
Gesund sein – krank sein – Heilung sind jedenfalls menschliche Erfahrungen, die sich jeder Definition entziehen, meint der Philosoph Univ.-Prof. Dr. Günther Pöltner. Das leibliche „Nicht-mehr-Können“ im Fall einer schweren Krankheit ist nicht nur ein medizinisches, sondern vielmehr ein existenzielles Problem und erschüttert den ganzen Menschen. Denn, im Kranksein meldet sich die Endlichkeit, meldet sich das Sterben-Müssen. „Ein rein rationales Herangehen an diese Thematik geht an der Wirklichkeit vorbei“.
Bei der Frage, was denn „Spiritualität“ eigentlich sei, erinnert der Philosoph an den Ursprung dieses Wortes, nämlich dem lateinischen „spiritualis“ – „dem Geist gemäß“, „vom Geist erfüllt“. Ein spirituelles Leben ist demnach ein Leben aus dem Geist, ein von einem religiösen Geist getragenes Leben. Wobei dazu aber „ein starkes Maß an Reflexion“ gehöre. Ist eine spirituelle Begleitung nun auch Sache des Arztes? Und, bedeutet dies nicht eine Überforderung? „Der Arzt trägt ja nicht die Verantwortung für eine Sinngebung!“ Gewiss sei der Arzt kein Seelsorger, aber er kann dem Leidenden „Nächster“, er kann ihm „Mitmensch“ werden! Geht es um die tiefsten, innersten Fragen des Menschen, sollte der Arzt darauf vorbereitet sein. Was aber auch heißt, sich selbst Rechenschaft geben zu können, aus welchen spirituellen Quellen das Leben gespeist wird. Und, eine spirituelle Einstellung bedeute auch, „ein kreatives Auge für Möglichkeiten der Sinnfindung zu haben!“
„Es gibt immer eine Wahl, ob und was man aus dem eigenen Geiste schafft“, ist sich Univ.-Doz. Mag. DDr. Alexander Lapin, katholischer Theologe und Labormediziner, sicher. Er bedauert die Trennung von Medizin und Geistigkeit, die ursprünglich eins waren: „Früher waren viele Kirchenväter Mediziner, und die Mystik war etwas Lebendiges.“
Empathie, Nächstenliebe und Fürsorge
Dem schließt sich Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner, Vorstand des Instituts f. Ethik und Recht in der Medizin, an. „Jede Medizin ist in einen kulturellen Kontext eingebunden – die westliche Medizin unleugbar in das Christentum“. Auch für den evangelischen Theologen steht die Frage nach dem „spirit“, nach dem „Geist“, aus welchem der Arzt seine Arbeit tut, im Mittelpunkt.
Spiritualität habe per se etwas mit den „professional attitudes“ von Ärzten und Pflegenden zu tun, nämlich Empathie, Nächstenliebe und Fürsorge. Und sie weiß um den Geschenk-, ja Gnadencharakter von Gesundheit und Heilung. Spiritualität in der Medizin bedeute auch, die eigene Endlichkeit und jene der Heilkunst zu akzeptieren und Vertrauen zu haben, was immer auch eine Glaubenssache sei. „Der Glaube an Gott als Tiefendimension unseres Daseins ist der letzte Grund für alles Vertrauen.“ Und, Spiritualität habe nicht nur mit der Haltung und Einstellung des einzelnen Arztes zu tun, sondern auch mit dem „spirit“ und der Atmosphäre des jeweiligen Krankenhauses!
„Wie möchte ich selbst als Patient behandelt werden?“ – diese Frage steht für den Onkologen Univ.-Prof. Dr. Raimund Jakesz im Mittelpunkt seiner Überlegungen, die spürbar und sehr bewegend aus der Praxis kommen. Er habe nie verstanden, warum Medizin nur naturwissenschaftlich sein soll, aber leider habe sich die Geisteswissenschaft seit Descartes von der Medizin abgewandt. „Heute sind wir in der Onkologie größtenteils Mechaniker, und zweifellos kann man superviel in der Therapie erreichen.
Nur, wie geht es dem Patienten persönlich? Das ist ja ein leidender Mensch in einer enormen Stresssituation!“. Für Prof. Jakesz gibt es keine Zufälle: „Dass jemand Krebs bekommt ist kein Zufall. Jede körperliche Entsprechung braucht eine Primärenergie. Aber darüber wissen wir nichts, genauso wie wir nichts über die Entstehung von Krankheiten wissen!“ Und, Patienten sind nicht für Ärzte da, sondern umgekehrt: „Spiritualität in der Medizin heißt, dass wir im Dienst der Patienten stehen und ihnen ,Türen öffnen‘ sollten, in einer Haltung der persönlichen Wertschätzung.“
Recht auf spirituelle Begleitung
Dass Liebe, Mitgefühl und Zuwendung allein schon die Nebenwirkungen einer schweren Therapie lindern können, habe er selbst in der Praxis viele Male erlebt. Auch Primaria Dr. Athe Grafinger weiß wovon sie spricht, ist sie doch in der Palliativmedizin tätig. Patienten haben ein Recht auf spirituelle Begleitung, meint sie, die sich selbst als „Mitmensch“ sieht, der diese Begleitung wahrnimmt. „Am Ende des Lebensweges wird die Sinnfrage anders gestellt als früher im Leben. Darauf gehe ich ein. Und, ich habe für mich persönlich viel daraus mitgenommen und kann nur jedem raten, sich darauf einzulassen!“ Unabdingbar für eine solche seelische Begleitung sei aber, vorher die eigene Einstellung zu reflektieren. Und es fällt ihr ein Gespräch mit einer 90-jährigen alten Dame ein, wo es um ein Leben nach dem Tode ging: „,Das ist doch ganz logisch‘, hat sie gemeint, ,schließlich zerfallen wir alle zu Erde, und daraus wird ja wieder etwas‘.“
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InterreligiöseÄrzteplattform Eine Vereinigung von mittlerweile zahlreichen Kollegen, die 1. die Anerkennung des Rechts auf spirituelle Betreuung von KH-Patienten fordert, 2. die Verpflichtung von KH-Trägern zur Schaffung einer entsprechenden organisatorischen Infrastruktur und 3. die Sicherstellung von Mindeststandards in der Ausbildung und Durchführung von KH-Seelsorge. Korrespondenz: christoph.gisinger@hausderbarmherzigkeit.at Mitglieder
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