Der Historiker Prof. Dr.Wolfgang Neugebauer über die Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Integration ehemaliger Nationalsozialisten, insbesondere bei den Ärzten.
CliniCum: Vor kurzem erschien im Czernin Verlag von Ihnen und Peter Schwarz das Buch „Der Wille zum aufrechten Gang“ über die „braunen“ Flecken im BSA (Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen). Welche Reaktionen gab es bisher?
Neugebauer: Es hat sehr unterschiedliche Reaktionen gegeben, ein sehr hohes Interesse der Medien, sehr positive Reaktionen an der Universität, aber ich habe auch Zuschriften bekommen von Leuten, die nicht einverstanden sind, dass im Buch einzelne Personen, die eine NSDAP-Mitgliedschaft hatten, genannt, also sozusagen geoutet werden. Des Weiteren ist zum Beispiel der ehemalige Bürgermeister und BSAPräsident Leopold Gratz aus dem BSA ausgetreten.
Nun kommt aber Ex-Bürgermeister Gratz in dem Buch gar nicht namentlich vor ...
Ich weiß nur aus den Medien, dass er mit der Darstellung seines Vorgän- gers, des langjährigen BSA-Präsidenten Karl Waldbrunner, nicht einverstanden war.
Ein Schwerpunkt Ihrer Untersuchungen liegt auf der Gruppe der BSA-Ärztinnen und -Ärzte. Von den seit März 1938 in Kraft getretenen antijüdischen Gesetzen waren allein in Wien 3.200 der insgesamt 4.900 ÄrztInnen betroffen. Vielen von ihnen ist die Flucht in die USA oder nach England gelungen. Warum sind nur sehr wenige zurückgekehrt?
Dafür gibt es verschiedene Ursachen. USA und Großbritannien waren damals im Vergleich zu Österreich sehr wohlhabende Länder, und Leute, die dort beruflich reüssiert haben, hatten nur mehr ein beschränktes Interesse, nach Österreich zurückzukehren. Aber aus österreichischer Sicht sind natürlich politische Faktoren dazugekommen. Die damalige SPÖ-Führung wollte nicht, dass Emigranten oder Vertriebene in großer Zahl zurückkehren, weil man befürchtet hat, dass diese Leute quasi den Führungsanspruch von Schärf, Renner und Co in Frage stellen könnten. Des Weiteren wollte man nicht, dass Austromarxisten und Juden in großer Zahl zurückkehren, weil dadurch die Bemühungen, die ehemaligen Nationalsozialisten - immerhin rund 25% der Bevölkerung - für die SPÖ zu gewinnen, konterkariert worden wären. Man wollte nicht als „judenfreundliche“ Partei dastehen. Es war einfach ein machtpolitisches Kalkül, um bei den Wahlen eine Mehrheit zu gewinnen.
Die BSA-Fachgruppe Ärzte hat in den 1940er und 1950er Jahren zahlreiche ehemalige NS-Ärzte aufgenommen. Zum anderen gab es gerade in der Wiener Ärztevereinigung namhafte Widerstandskämpfer und überlebende KZHäftlinge. Kam es da zu internen Konflikten?
Zeitzeugen, die wir interviewt haben, wie z.B. den ehemaligen Gesundheitsminister Dr. Kurt Steyrer, haben uns berichtet, dass solche Diskussio- nen nicht stattgefunden haben. Ob einer Nazi war, wie er damit umgeht, das ist alles tabuisiert worden. Weder die Nazis hatten ein Interesse daran, dass ihre Vergangenheit aufgerührt wird, aber auch die anderen waren nicht daran interessiert, hier Konflikte innerhalb der Organisation hervorzurufen.
Haben die „Ehemaligen“ eine Art Gesinnungswandel versprechen müssen, bevor sie vom BSA aufgenommen wurden?
Das wäre an sich zu erwarten gewesen, in der Regel hat es aber nicht stattgefunden. Ich kenne bei den Ärzten keinen Fall, wo ein ehemaliger Nationalsozialist in die Öffentlichkeit gegangen wäre und ein Wort des Bedauerns, der Selbstkritik geäußert hätte. Es hat zwar beim BSA anfangs sinnvolle Beschlüsse gegeben, dass man den einfachen NSDAP-Mitgliedern, die sich nichts zuschulden kommen haben lassen, dass man diesen so genannten Minderbelasteten den Weg in die Gesellschaft wieder ebnet, während die „Schwerbelasteten“ ausgeschlossen bleiben sollten. Diese Differenzierung ist in der Praxis nicht durchgeführt worden. Der Fall Dr. Heinrich Gross hat gezeigt, dass man auch verbrecherische Nationalsozialisten sehr wohl in den BSA geholt hat.
Was ist das Exemplarische und was ist das Einzigartige an der Nachkriegskarriere des NS-Kinder- Euthanasiearztes Heinrich Gross?
Der Fall Gross ist kein Einzelfall. Ich erinnere nur daran, dass sein Vorgesetzter, Dr. Hans Bertha, damals der Ärztliche Direktor am Steinhof und einer der Hauptverantwortlichen für die NS-Euthanasie in Wien, nach dem Krieg Universitätsprofessor der Grazer psychiatrischen Universitätsklinik geworden ist. Solche Fälle hat es viele gegeben. Das Einzigartige war, dass Dr. Gross ja ein Gerichtsverfahren gehabt hat, wo die Involvierung in die Kindereuthanasie für alle sichtbar gewesen ist.
In Ihrem Buch berichten Sie von ehemaligen NS-Ärzten, die dann in ihrer Nachkriegkarriere zynischerweise als Gutachter in Opferfürsorgefällen herangezogen wurden, vom Salzburger Psychiater Univ.-Prof. Dr. Gerhart Harrer und vom Wiener Stadtphysikus Dr. Kurt Zeman. Gab es noch solche bedenklichen Gutachter, auch außerhalb des BSA?
Meine Kollegin Dr. Brigitte Bailer, die jetzige Leiterin des Dokumentationsarchivs, hat sich mehrfach mit der Frage der Gutachter bei den Opferfürsorgefällen auseinander gesetzt, und da hat sich gezeigt, dass da sehr wohl Nazi-Ärzte als Gutachter über ehemalige KZ-Häftlinge und Verfolgte quasi zu Gericht gesessen sind. Es hat sich herausgestellt, dass diese Nazi-Mediziner in der Regel keineswegs großzügig gegenüber den Opfern gewesen sind, sondern im Gegenteil, dass dort eine sehr viel restriktivere Gutachtertätigkeit stattgefunden hat - das finde ich wirklich bedenklich.
Es ist auffallend, dass viele wichtige Themen der NS-Zeit in Österreich erst so spät aufgearbeitet wurden. Wie schaut das im Vergleich dazu in Deutschland aus oder in anderen Ländern mit verbrecherischen Regimen?
In Deutschland hat diese Auseinandersetzung schon sehr viel früher eingesetzt, vor allem in der Wissenschaft, weil sich Deutschland nicht wie Österreich hinter einer Opfertheorie verstecken konnte. Allerdings ist auch dort die Re-Integration ehemaliger Nationalsozialisten nicht viel anders praktiziert worden. Auch dort konnten viele Ärzte, die in NS-Verbrechen involviert waren, ihre Karriere ungehindert fortsetzen, selbst in der DDR, die sich immer als besonders antifaschistisch gebärdet hat. Deutschland war aber eine Ausnahme. In vielen anderen Ländern, die auch in Verbrechen während eines Krieges oder Bürgerkrieges involviert waren, findet diese Aufarbeitung nicht statt. Japan hat niemals seine gewaltigen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet, da gab es auch fürchterliche Medizin-Verbrechen. Auch die kolonialistischen Länder, die im Laufe der Kolonialgeschichte immer wieder in Verbrechen involviert waren, ob jetzt Franzosen, Belgier, Engländer oder Spanier, haben überhaupt keine Anstalten gemacht, das jemals aufzuarbeiten. Und in den USA haben sie zwar viele Holocaust-Institute und -Zentren, aber kaum Institutionen, die sich mit den Verbrechen an den amerikanischen Indianern beschäftigen. Den unangenehmen Seiten der eigenen Geschichte ins Gesicht zu schauen fällt eigentlich jedem Staat und jedem Volk ziemlich schwer.
Wo gibt es in Österreich noch Lücken in der Aufarbeitung der NS-Zeit?
Was Österreich betrifft, würde ich sagen, dass sich mittlerweile doch eine sehr kritische Einstellung in Bezug auf den Nationalsozialismus durchgesetzt hat. Nicht zuletzt hat sich die Lage der Opfer des Nationalsozialismus in den letzten Jahren verbessert, nur die Gruppen der Homosexuellen und der Wehrmachtsdeserteure sind hier noch diskriminiert. Lücken in der Aufarbeitung sehe ich vor allem im Bereich der so genannten Täterforschung.
Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Peter A. Krobath
© MMA, CliniCum 01/2005





